Minho - Der Garten Portugals

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Bom Jesus de MonteIn der Heimat des Vinho Verde

Der Fluß Minho, der seit 800 Jahren den Grenzverlauf zwischen Portugal und Spanien bestimmt und damit die älteste Staatsgrenze Europas bildet, hat dem nordwestlichen Teil Portugals seinen Namen gegeben. Die Geschichte der Provinz Minho, die sich in den nördlichen Alto Minho und den südlichen Verde Minho gliedert, reicht weit zurück. Bereits im 1. Jahrtausend vor Christus siedelten hier keltiberische Volksstämme, wie die Überreste ihrer Wehrdörfer bezeugen. Ihnen folgten die Römer, die den Weinbau begründeten, Straßen bauten und Bracara Augusta, das heutige Braga, zu ihrem Verwaltungszentrum machten. Die Zeit der Völkerwanderung vom 4. bis zum 7. Jahrhundert brachte Unruhe ins Land. Die Sueben wurden von den Westgoten vertrieben, auf die ab dem 7. Jahrhundert die gefürchtete Maurenherrschaft folgte. An Bedeutung gewann die Provinz Minho, als Afonso Henriques im 12. Jahrhundert die Mauren aus dem Norden vertrieb, das Königreich Portugal ausrief und Guimarães zur Hauptstadt erklärte.

Der Küstenbereich des Minho wird nicht umsonst als die costa verde, grüne Küste, bezeichnet. Der Minho ist die niederschlagsreichste Region der gesamten Iberischen Halbinsel. So ist dieses Gebiet Portugals vor allem landwirtschaftlich orientiert, denn der Segen vom Himmel ermöglicht zwei gute Ernten im Jahr. Angebaut werden auf den kleinen Feldern und Gärten vor allem Mais, Kartoffeln, Gemüse, Obst und natürlich Wein. Hier wächst er, der vinho verde, ein leichter spritziger trockener Wein, der den Charakter der Landschaft mit seinen Weingärten entscheidend mitbestimmt. Der Minho ist der Garten Portugals, ein Rausch in Grün und, im Sommer, in Blau, Lila und Weiß, wenn die Hortensien ihre Pracht über das Land breiten. Liebliche Hügel, an die sich kleine weiße Dörfer schmiegen, und flachwelliges Bergland wechseln sich ab mit felsigen kargen Abschnitten, den serras, und immer wieder blitzen zwischen Feldern, Zypressen, Korkeichen und Weinreben die ehrwürdigen Gemäuer einer alten quinta hervor.

Geprägt wird das Gesicht dieser Landschaft auch durch die vielen Villen der Gastarbeiter. Der Norden Portugals ist seit jeher traditionelles Auswandererland. Da die Landgüter und Bauernhöfe des Minho seit Jahrhunderten in Familienbesitz sind und jeder Erbe einen Teil des Landes erhält, wurden die Parzellen im Laufe der Zeit zu klein, um ihre Besitzer zu ernähren. Viele der modernen Häuser, die dem Baustil und Geschmack des Auswandererlands nachempfunden sind, wirken verlassen, da ihre Besitzer nur in den Ferien zurückkehren.

Der Tourismus breitet sich hier im Norden langsam, aber stetig aus und hat an der Küste häßliche Spuren in Beton hinterlassen. Auch der Fortschritt der Moderne ist spürbar: Überrascht findet man sehr gute breite Straßen, die Städtchen sind gepflegt, sauber und adrett. Doch im Landesinnern ist der Fremde noch zuweilen selbst der Bestaunte, fühlt er sich noch in eine frühere Zeit versetzt, findet er in abgelegenen Dörfern Einsamkeit und Ursprünglichkeit, begegnet er vereinzelt noch Ochsengespannen und Frauen, die schwere Lasten auf dem Kopf tragen. Hier leben noch alte Traditionen, werden noch mit Lust und Liebe Volksfeste und Wallfahrten, sogenannte romarias, gefeiert.

 

Zwischen zwei Flüssen

Eine Rundfahrt zu den Höhepunkten des Alto Minho

Guter Ausgangspunkt für die Erkundung der Provinz Minho ist Viana do Castelo. Die Stadt, direkt am Meer an der Mündung des Flusses Lima gelegen, wartet mit einem sehenswerten historischen Altstadtkern und der weithin sichtbaren Wallfahrtskirche auf dem Hausberg Monte de Santa Luzia auf. Einst bedeutender Fischereihafen mit Handelsbeziehungen nach Flandern und Brasilien, ist Viana heute ein beschaulicher Ferien- und bevorzugter Wohnort, dessen wuchernde Ausläufer sich so gar nicht in die romantische Flußlandschaft einfügen wollen. Doch der alte Kern begeistert uns mit prächtigen azulejo-geschmückten Herrenhäusern, schmalen Gäßchen, in denen Frauen Sardinen in einfachen Holzkisten verkaufen, netten Straßencafés und dem Praça da República im Mittelpunkt, auf dem das gotische Rathaus und die Igreja da Misericórdia im Renaissance-Stil sehenswert sind.

Eine Standseilbahn führt uns hinauf zur neobyzantinischen Wallfahrtskirche, dem Wahrzeichen von Viana. Von der Aussichtsterrasse bietet sich ein einmaliges Panorama über die Stadt, den Fluß und das Meer, dessen Sandstrände verlockend weiß in der Sonne glitzern. Wer möchte, kann sich dort zur Erinnerung mit einem altertümlichen Apparat fotografieren lassen. Nur wenige Schritte von der Basilika entfernt liegt die sehr elegante und empfehlenswerte Pousada de Santa Luzia. Bei einem Kaffee auf der Veranda des Hotels genießt man einen weiteren herrlichen Blick auf die aus dem Wald herausragende Kirche mit dem Atlantik als Hintergrund.

Eine gute halbe Autostunde nördlich von Viano do Castelo wird der Minho immer breiter, bevor er sich schließlich weit öffnet und in das Meer ergießt. Vom Praia de Moledo aus empfiehlt sich ein Spaziergang am Strand entlang bis vor zur Mündung. Vor der Küste liegt ein kleines Kastell, das Forte da Ínsua, das von Wellen umbrandet wird. Ein herrliches Farbenspiel ist der Blick auf die gelben Dünen, die von tiefgrünen Pinienwäldern gesäumt sind, das glitzernde Türkis von Meer und Fluß und das gischtige Weiß der Wellen.

Unweit von der Mündung des Minho lohnt das von den Resten seiner ehemaligen Festungsmauer umgebene Städtchen Caminha einen Besuch, einst bedeutender Hafen, bis es diesen Rang an Viana do Castelo verlor. Heute verkehren von hier Fähren nach Galicien. Zentrum des adretten Ortes ist der Marktplatz, der Praça do Conselheiro Silva Torres, in dessen Mitte ein hübscher Renaissancebrunnen steht. Neben anheimelnden Gassen, in denen wir wahre Schmuckstücke entdeckten, wie einen prachtvollen weißen Herrensitz mit einem manuelinischen, von Hortensien umgebenen Portal, ist die Igreja Matriz für kunsthistorisch interessierte Besucher von Bedeutung, das beste Beispiel der Frührenaissance im nördlichen Portugal.

Vila Nova de Cerveira ist die nächste Etappe auf unserer Minho-Rundfahrt. In der Burg aus dem 16. Jahrhundert, in der wir viele romantische Winkel und Eckchen entdecken, in denen Blumen und Tongefäße wie zufällig dekoriert scheinen, befindet sich heute die Pousada Dom Diniz. Auffallend an Vila Nova ist die Ruhe und Beschaulichkeit. Nicht versäumen sollte man einen Spaziergang am schattigen Minho-Ufer und eine Fahrt hinauf zum großartigen Aussichtspunkt des Cervo, des Hirsches. Die liebliche grüne Flußlandschaft geht über in eine felsige karge Serra mit blühendem Ginster und Heidekraut, die durch ihre herbe Schönheit begeistert. Der überwältigende Blick vom Hirsch reicht bis zur Mündung des Minho zur Linken und nach Valença zur Rechten, unserem nächsten Haltepunkt.

Die kleine Grenzstadt liegt gegenüber dem spanischen Tui. Zwei sternförmig angelegte fortalezas, von deren wuchtigen Mauern sich traumhafte Blicke bieten, umschließen den alten sehr gepflegten Kern des Ortes. Soviel Schönheit hat allerdings auch seine Nachteile. Die Altstadt von Valença ist zu einem Einkaufsparadies für spanische Besucher geworden. So wälzen sich hier an Sonntagen wahre Massen durch die Gassen, in denen neben viel Kitsch auch Kunsthandwerk angeboten wird. Wie sehr sich Valença auf seine Gäste eingestellt hat, zeigt sich daran, daß der angefragte Preis einer Ware in Peseten statt in Escudos genannt wird.

Das Umland von Monção, zu dem wir entlang des Minho weiterfahren, ist eines der wichtigsten Anbaugebiete des vinho verde. Der spritzige fruchtige junge und leicht moussierende Wein hat seinen Namen nach dem Verfahren seiner Herstellung erhalten, da die Trauben unreif, was im Portugiesischen verde heißt, gelesen werden. Die Bezeichnung hat also nichts mit seiner Farbe zu tun, denn auch den vinho verde gibt es als Weißwein, branco, und, jedoch seltener, als Rotwein, tinto. Eines der berühmtesten Weingüter ist der Palácio de Brejoeira wenige Autominuten südlich von Monção. Mit seiner abgeschiedenen Vornehmheit, die durch ein hohes Gitter geschützt wird, erinnert er an die herrschaftlichen Landsitze im französischen Bordeaux, und ein Blick auf den klassizistischen Palast durch das Tor hindurch lohnt sich allemal. Von eigenem Reiz sind die schattigen Laubengänge, die ravadas, zu denen sich die Rebstöcke verflechten, die an hohen durch Draht miteinander verbundenen Granitpfeilern gezogen werden. Die Blätterpergolen wirken besonders romantisch, wenn ein paar Sonnentropfen durch das lichte Dach hindurch fallen.

Von den Festungswällen Monçãos wandert der Blick über das schmale Band des Minho hinweg, der sich mit seinem sandigen breiten Ufer durch üppige grüne Hügel schlängelt. Das adrette Monção mit seinen hübschen Häusern war bei weitem nicht immer so verschlafen und behäbig, wie es heute scheint. Der ehemalige Grenzposten in der Verteidigungskette am Minho entlang mußte im 13. Jahrhundert einer schweren Belagerung durch die Spanier standhalten. Eine mutige Frau, die noch heute das Stadtwappen ziert, ist in die Geschichte des Städtchens eingegangen. Nachdem die Bewohner von den Spaniern nahezu ausgehungert worden waren, backte Deu-la-Deu Martins, so der Name der beherzten Frau, vom letzten Mehl feine Brötchen, die sie über die Stadtmauer warf mit der Bemerkung, so schnell würden der Stadt die Vorräte nicht ausgehen. Die Spanier ließen sich von dieser List täuschen und zogen ab.

Wir verlassen den Fluß Minho und fahren südlich ins Landesinnere nach Arcos de Valdevez, das sich in eine Schleife des Flüßchens Vez schmiegt. Im Zentrum des betulichen Örtchens findet man eine Art Plateau, das von zwei Kirchen begrenzt wird und einen herrlichen Blick auf die umgebenden Weinberge und die in der Ferne hervorblitzenden Ausläufer der Serra da Peneda bietet. Folgt man von dort den Treppen hinab in die Unterstadt, trifft man auf einen kleinen überdachten Brunnen, an dem die Frauen aus den nahen Häusern ihre Wäsche noch mit der Hand schrubben, wie eine vergessene Kernseife und eine liegengebliebene Bürste beweisen. Unser Erkundungsgang führt uns über einen steinernen Steg über den beiderseits mit reichem Waldbestand gesegneten Vez, in dessen glasklarem Wasser sich kleine Fischschwärme tummeln. Auf der anderen Seite stößt man unvermutet auf die zeitentrückten Ruinen eines herrschaftlichen Landsitzes samt Hauskapelle, der von einer mit Hortensien übersäten Mauer umgeben ist.

Ponte da Barca, weiter unten am Fluß Lima gelegen, ist ebenfalls sehenswert. Benannt wurde die Stadt nach der zehnbögigen Brücke, die dort gebaut wurde, wo es einst nur einen Fährkahn gab, um ans andere Ufer zu gelangen. Entlang des sandigen und teils sumpfartigen Ufers des Lima zieht sich eine sehr schön angelegte gepflegte Promenade, und ein Bad in den Fluten ist herrlich erfrischend. In der Altstadt findet man elegante Herrenhäuser, und der Jardim dos Poetas, oberhalb des Flusses gelegen, mit seinen Arkaden und Bänken unter schattigen Bäumen, bietet sich für ein kleines Picknick an, ein bei den Portugiesen sehr beliebter Zeitvertreib.

Die heitere Landschaft des Minho tut sich zwischen Arcos, Ponte da Barca und Ponte de Lima, der letzten Etappe der Rundfahrt, mit ihrem ganzen Zauber auf, sie wirkt unverbrauchter als an der Küste. Einsamer, üppiger und ursprünglicher als dort, protzt sie mit sanften Weinterrassen, duftenden Zitronen- und Orangenbäumen, Bougainvilleabüschen, saftig grünen Hügeln, blühenden Bäumen und Kaktusfeigen, präsentiert sie sich als Garten Eden für Genießer. Bevor man sich Ponte de Lima nähert, sollte man keinesfalls versäumen, einen Abstecher nach Madalena (Jolda) zu machen. Dort versteckt sich am Ende eines holprigen kopfsteingepflasterten Weges ein vornehmer Herrensitz, der Paço da Glória, in dem man als Gast im Rahmen des Turismo de Habitação nächtigen kann. Den im englischen Stil erbauten Palast bewohnte einst ein geheimnisvoller einsamer Mann, der Bilder und Bücher liebte und berühmte Künstler wie Paul Klee zu sich einlud. Im wild romantischen Garten des Herrensitzes, der von innen nicht besichtigt werden kann, findet man verschwiegene Plätze und Ecken, reiche Blütenpracht und eine kleine Kapelle.

Wie Ponte da Barca erhielt auch Ponte de Lima seinen Namen nach der Brücke, die sich in Bögen über den Lima spannt und an deren anderem Ende das Kirchlein Santo António steht. Die Brücke ist römischen Ursprungs. Neben der Kirche steht die kleine Kapelle des Schutzengels, und ein paar Schritte weiter befindet sich ein Picknickplatz mit schönem Ausblick auf das Städtchen. Der mittelalterliche Kern von Ponte de Lima ist sehr gut erhalten. In den schmalen Gäßchen entdecken wir verträumte Winkel, Treppchen, verschwiegene Plätze, Gärten mit alten Landhäusern und viele alte Bauten. Auch hier fällt die saubere Gepflegtheit des Örtchens auf, auf dessen breiter Sandbank am Fluß ein quirliger Markt stattfindet.

 

Wo Portugal zu Ende ist

Durch die Serra Peneda-Gerês

Der Norden Portugals wartet mit einem großen Naturerlebnis auf, dem Nationalpark Peneda-Gerês, 1971 geschaffen, einziger des Landes und gleichzeitig einer der unbekanntesten in Europa. Der Parque Nacional mit einem Areal von etwa 700 Quadratkilometern verläuft entlang der portugiesisch-spanischen Grenze und umfaßt die beiden Gebirgszüge Peneda und Gerês. In und durch den Park führen nur wenige Autostraßen. Manchmal versperrt eine Schafherde den Weg, oder Rinder mit langen gewundenen Hörnern schauen neugierig-gelassen zum Fenster herein. Urwaldähnliche Landschaften, karge Bergkämme, kristallklare Stauseen, rauschende Wasserfälle, liebliche Täler und ursprüngliche Bergdörfer prägen das Gesicht dieses Parks, in dem man mit ein wenig Glück noch Wildpferde, Wölfe und Königsadler beobachten kann.

Wir erkunden den nördlichen Abschnitt des Parks, die Serra da Peneda, von Ponte da Barca aus. Eine gut ausgebaute Straße führt uns zuerst über das romantisch zwischen zwei Flüssen gelegene Entre-Ambos-os-Rios, das auf manchen Karten noch mit seinem früheren Namen São Miguel verzeichnet sein dürfte. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer über eine sehr enge Straße nach Sobredo. In diesem Dorf mit seinen trutzigen Häusern aus wuchtigen grob behauenen Granitsteinen, zwischen denen glasklare Bäche gurgeln, und seinen schmalen mit Kuhdung bedeckten Gassen scheint die Zeit langsamer als sonst fortzuschreiten, scheinen die Menschen zu leben wie vor Jahrhunderten. Ursprünglicher geht es kaum, einsamer und einfacher wohl auch nicht. Hier wird der Besucher vom Staunenden zum Bestaunten. Bauern und Kinder, die ihre Ochsen vor sich her treiben, grüßen uns mit einem freundlichen bom dia, und die Frauen, ganz in Schwarz gekleidet, das Gesicht braun wie Leder, beäugen uns neugierig von der Veranda ihrer Häuser aus.

Unsere Fahrt führt uns anschließend durch eindrucksvolle üppige Täler mit alten Steinhäuschen hinauf nach Soajo, das bekannt ist für seine espigueiros. So werden die auf Stelzen stehenden mit Lüftungsschlitzen versehenen Korn- und Maisspeicher genannt, die das ländliche Bild Nordportugals prägen. Sie sind aus Granit oder Holz gebaut und sehen mit ihrem Kreuz auf dem Giebel wie Grabkammern aus. Durch die Stelzen ist das Getreide gut gegen Hühner, Mäuse und sonstige Nagetiere geschützt. Bei Soajo stehen auf einem kleinen glatten Felsplateau, das als Dreschplatz dient, mehrere solcher espigueiros beieinander, und mit den Bergen im Hintergrund wirkt diese Szenerie wie ein seltsam plazierter Friedhof.

Die Straße führt wieder hinab ins Tal, wo uns kurz vor Lindoso der türkisfarbene Albufeira do Alto Lindoso, die Aufstauung des Flusses Lima, mit den kahlen Erhebungen der Serra im Hintergrund wie eine überirdische Mondlandschaft erscheint. Sehenswert in Lindoso ist die von König Dom Diniz erbaute Burg aus dem 13. Jahrhundert, in der heute eine Kunstgalerie zu finden ist. Von der Burgmauer öffnen sich phantastische Panoramen auf die Peneda-Bergwelt.

Wir verlassen Lindoso wieder in nördlicher Richtung. Die Straße verläuft durch eine einzigartige Heidelandschaft steil bergauf parallel zum Albufeira do Alto Lindoso, der in herrliche Gebirgswellen, mal von sattem Grün überzogen, mal mit steinigen Spitzen gespickt, eingebettet ist und geruhsam unter uns liegt wie ein silberner Spiegel. An seinen länglichen Ausläufer schmiegt sich das hübsche Dorf Várzea. Schafe und Pferde kreuzen unseren Weg, und von einem ehemaligen Wachturm aus sehen wir unter uns die Burg von Lindoso.

Nächster Höhepunkt ist die Wallfahrtskirche Senhora da Peneda im gleichnamigen Dorf, die schon von weitem eine atemberaubende Kulisse bietet. Man ist überrascht, an diesem verschlafenen weltabgeschiedenen Ort auf eine solch barocke Anlage zu treffen, noch dazu in dieser Monumentalität. Die hübsche Kirche mit ihrem weitläufigen Bom Jesus do Monte bei Braga nachempfundenen Treppenaufgang und ihren Kreuzwegkapellen kauert sich wie schutzsuchend an ein gewaltiges Bergmassiv. Die Stufen sind mit Gras und Farn überwuchert, an manchen Stellen hüpft klares Wasser über Felsen in die Tiefe, und es beschleicht einen die leise Ahnung, dieser Ort sei nicht von dieser Welt.

Der östliche Abschnitt des Parks, die Serra do Gerês, ist ebenso reich an Sehenswürdigkeiten. Hier beginnen wir unsere Rundfahrt an der Portela do Homem, wo der Fluß Homem über rauhe Felsen in ein kleines Auffangbecken stürzt, das im Licht der Sonne smaragdgrün schimmert. Gerne wird dieser natürliche Swimming-Pool von den Einheimischen genutzt. Die Straße, die über eine Brücke an der Portela vorbeiführt, verläuft durch ein Naturschutzgebiet, in dem längere Aufenthalte mit dem Auto, vor allem Picknicks, verboten sind. Am Eingang der Straße erhält man vom dort stationierten Kontrollposten ein Billett, auf dem die Abfahrtszeit vermerkt ist. Dieses Billett ist bei Verlassen des geschützten Gebiets am anderen Kontrollposten wieder abzugeben.

Zweigt man wenige Kilometer hinter der Portela do Homem nach rechts ab, fährt man auf einer unbefestigten, aber guten Straße durch einen leuchtend grünen Urwald mit üppiger urwüchsiger Vegetation. An dieser Strecke entlang verlief die alte Römerstraße von Braga zum spanischen Astorga, und an manchen Stellen stehen noch römische Meilensteine. Man gelangt schließlich an den Albufeira de Vilarinho das Furnas, einen tiefblau leuchtenden, in sanfte Gebirgswellen eingebetteten See, der durch die Aufstauung des Homem entstand. Einheimische nutzen den See gerne zum Angeln. Die gewaltige Staumauer ist beeindruckend.

Die Straße, ab dem Stausee wieder asphaltiert, schlängelt sich an Campo do Gerês vorbei durch grüne Hügel und karge Höhen hinunter zum nächsten Stausee, dem Albufeira da Caniçada. Kurz bevor wir das Tal erreichen, statten wir dem Santuário de São Bento einen Besuch ab, eine an Wochenenden sehr beliebte Pilgerstätte. Neben der schlichten Kirche, von der man eine herrliche Sicht auf den Stausee genießt, wurde eine gewaltige neue unterirdische Kirchenanlage aus Beton aus dem Boden gestampft. Die Ende des letzten Jahres eingeweihte Kirche ist mit ihren breiten Treppen und großen Türen auf Pilgermassen eingestellt, wirkt jedoch mit ihrer betonierten Kühle wie ein Parkhaus.

Der Albufeira da Caniçada ist mit Sicherheit der schönste der Stauseen im Gebiet Peneda-Gerês. Der von einer grünen Bergkette umrahmte See ist durch seine üppige Vegetation, seine blühenden Gärten und sein südliches Flair ein ideales Erholungsgebiet. Besonders zu empfehlen ist ein Besuch oder Aufenthalt in der Pousada de São Bento, einem ehemaligen Jagdsitz oberhalb des Stausees, deren Gartenterrasse unvergeßliche Aussichten bietet. Wir überqueren die Brücke, die über den Stausee führt, und fahren weiter Richtung Caldas do Gerês, dem wichtigsten Ort in der Serra do Gerês. Gerês, schon seit den Römern als Thermalbad bekannt, erinnert an eine abgedankte Königin und besticht durch seinen verblühten Charme und seine gammelige Romantik. Das ehemalige leuchtend blau gestrichene Grande Hotel Maia mit seinem bröckelnden Putz läßt an bessere Zeiten denken. Die heißen Quellen im Kurhaus helfen gegen Leberleiden, Fettleibigkeit und Bluthochdruck. Durchaus sehens- und liebenswert ist der Kurpark von Gerês, der sich beiderseits eines breiten Wildbachs entlangzieht und durch einen hübsch angelegten grünen See mit künstlicher Grotte, Brückchen und Wasserfall besticht.

Wenige Autominuten hinter Gerês zweigt rechts eine Straße Richtung Ermida ab. Besonders nach den nicht allzu seltenen heftigen Regenfällen ähnelt diese Straße jedoch einem unwegsamen Waldweg mit zahlreichen Spurrillen und Schlaglöchern. Für die anstrengende und rumpelnde Fahrt wird man jedoch mit einem atemberaubenden Panorama belohnt. Beim Miradouro Pedra Bela, Schöner Stein, liegt einem inmitten von Ginster, Heidekraut, Farnen und mächtigen Felsen die ganze glitzernde Zauberwelt des Sees zu Füßen. Wenige Kilometer weiter lockt ein weiteres Naturschauspiel, die Cascata do Arado. Über steile Stufen gelangt man zum beeindruckenden Wasserfall, der über glatte Felsen in die Tiefe springt.

Wenn man Glück hat und die abgebrannte Brücke kurz vor Fafião repariert ist, kann man den Waldweg weiterfahren, der ab Fafião wieder asphaltiert ist. Im anderen Fall ist ein Umweg über Gerês und die N103 Richtung Chaves notwendig. Dann biegt man bei Salamonde links Richtung Fafião ab. Man passiert den schön gelegenen in der Sonne glitzernden Albufeira de Salamonde und fährt durch waldreiches Gebiet bis Cabril. Das Café an der Brücke, von dem man eine schöne Aussicht auf den Ort genießt, der sich zwischen Flüßchen und Berge schmiegt, bietet sich für eine Rast an.

Der Rest der Strecke führt durch eine wunderbare karge und einsame Serra-Landschaft, in der sich ab und an die Gerippe eines verfallenen Hauses bizzar und unwirklich ausnehmen. Bevor wir uns der letzten Etappe unserer Erkundungsfahrt nähern, den verwunschenen Ruinen eines romanischen Klosters aus dem Jahr 1147 bei Pitões das Júnias, machen wir einen Stopp beim Albufeira de Paradela und genießen das Farbenspiel aus dem Grün des Wassers, dem Blau des Himmels und dem Weiß der Felsen. Das Kloster bildet den abschließenden Höhepunkt in diesem Teil des Nationalparks. Hat man das einsam und abgeschnitten in einer entlegenen nur zu Fuß zu erreichenden Talsenke gelegene Kloster erreicht, wähnt man sich am Eingang zum Paradies. Der vorbeirauschende Bach bildet einen kleinen Teich, an dem sich leuchtend blaue Libellen tummeln. Pferde grasen. Wasser plätschert. Grillen zirpen. Und über allem liegt eine wohltuende Stille und Ruhe.

 

Von Kirchen, Königen und Kelten

Der historische Kern des Verde Minho

Für geschichtlich und kunsthistorisch interessierte Besucher ist das "magische Dreieck" um den Dreh- und Angelpunkt Braga ein absolutes Muß. Braga, viertgrößte Stadt des Landes und das Rom Portugals genannt, ist seit langer Zeit das religiöse Zentrum des Landes. Bereits im 1. Jahrhundert wurde hier der erste Bischof der Stadt gesalbt, und im 12. Jahrhundert wurde Braga Sitz des portugiesischen Erzbischofs. Auch heute noch ist das ehemalige römische Bracara Augusta die Hochburg des Glaubens in Portugal, und am Sprichwort "In Lissabon wird gelebt, in Coimbra studiert, in Porto gearbeitet und in Braga gebetet" ist sicherlich mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Davon zeugen die über 30 Kirchen, die es im Stadtbezirk von Braga gibt, doch die sehenswerteste davon ist sicherlich die , die Kathedrale. Heinrich von Burgund begann mit dem Bau der im 12. Jahrhundert, doch im Laufe der Zeit hat die Kirche viele Veränderungen erlebt, so daß man hier heute ein Gemisch vieler Stile von der Romanik bis zum Barock vorfindet. Beachtenswert im Innern des wuchtigen Baus ist vor allem die barocke vergoldete Orgel.

Vom Kreuzgang aus gelangt man zum Domschatz, dem Museu de Arte Sacra, der unter anderem sakrale Gefäße, alte Meßgewänder, reichen Gold- und Silberschmuck und Heiligenfiguren umfaßt. Zur Führung durch das Museum gehört auch die Besichtigung der ansonsten nicht zugänglichen Kapellen, darunter die Capela dos Reís, in der die Gebeine der Kirchengründer ruhen. Gleich neben der Kathedrale befindet sich der ehemalige bischöfliche Palast, der heute zur Universität gehört und eine prächtige Bibliothek umfaßt. An die Hinterseite des Palastes grenzt der gepflegte, mit gotischen Steinbögen und Brunnen romantisch wirkende Jardim de Santa Bárbara an.

Braga ist das Pilgerzentrum schlechthin, wartet es doch vor seinen Toren mit zwei gewaltigen Wallfahrtskirchen auf, beide exponiert auf Hügeln gelegen. Bom Jesus do Monte ist nach Fátima wohl die bekannteste Pilgerstätte des Landes und lockt mit seiner spektakulären Treppenanlage Tausende von Besuchern an. Vom Eingangsportikus am Fuße des bewaldeten Hügels führen nahezu 600 Stufen, die einen geistlichen Aufstieg symbolisieren, hinauf zur Kapelle. Wem dies zu anstrengend ist, kann die mit Wasserkraft betriebene Standseilbahn benutzen, versäumt dann jedoch ein einzigartiges Erlebnis. Die Via Sacra wird von 14 Stationskapellen gesäumt und führt über ein sehr steiles Anfangsstück zur mittleren Terrasse, von wo sich ein phantastischer Blick auf die anschließende doppelläufige barocke Treppe der fünf Sinne bietet, die mit Skulpturen und Brunnen geschmückt ist, bei denen das Wasser aus Auge, Mund, Nase, Ohren und Herz läuft. Der Aufstieg bis zur obersten Terrasse wird mit einem überwältigenden Panorama auf Braga und Umgebung belohnt.

Weniger von Touristen frequentiert ist das Santuário von Sameiro, nur drei Kilometer von Bom Jesus entfernt. Der nüchterne Kuppelbau von Sameiro mit seiner einfachen reizlosen Treppenanlage hat nichts von der spielerischen Leichtigkeit und Eleganz der bekannteren Schwester. Auch der graue Beton des gewölbeartigen Saales unterhalb der eigentlichen Kirche ist von eher herbem Charme. Ein wenig befremdend mutet die Exvotos-Kapelle an, in der wie häufig an Portugals Pilgerstätten täuschend echt aussehende Hände, Füße, Mägen und Brüste aus Wachs niedergelegt werden in der Hoffnung auf Heilung oder Besserung der kränkelnden Körperteile. Der Blick von der Kirche jedoch ist lohnend, und beeindruckt hat uns auch die Vielzahl der Pilger aus Spanien und Portugal, die nach getaner Christenpflicht über die gesamte Anlage ausschwärmten und aus riesigen Picknickkörben wahre Köstlichkeiten hervorzauberten, die sie anschließend andächtig verzehrten.

Von Sameiro aus ist es nicht weit zu einer der bedeutendsten Ausgrabungsstätten Portugals, der eisenzeitlichen Siedlung Citânia de Briteiros. 1874 wurde die Keltensiedlung von dem Archäologen Martins Sarmento entdeckt. Die Grundmauern von 150 Steinhäusern, teils rund, teils eckig, wurden freigelegt. Innerhalb dreier Mauerringe kann man gepflasterte Straßen, unterirdische Zisternen, Wasserleitungen und Brunnen besichtigen. Zwei Rundhäuser wurden rekonstruiert. Man vermutet, daß die Siedlung am Ende der Römerzeit verlassen wurde. Die Kunstgegenstände, die hier gefunden wurden, sind im Museum Martins Sarmento in Guimarães ausgestellt.

Unsere Fahrt führt uns weiter nach Guimarães, der Wiege der Nation, wie das hübsche lebhafte Städtchen bezeichnet wird. Im Jahr 1109 wurde in der imposanten Burg Afonso Henriques geboren, der als "der Eroberer" in die Geschichte eingegangen ist. Nachdem er im Jahre 1139 einen entscheidenden Sieg über die Mauren errungen hatte, wurde er ein Jahr später von seinen Soldaten zum König ausgerufen. Dieses Jahr gilt als offizielles Geburtsjahr des Königreichs Portugal mit der Hauptstadt Guimarães, was die Inschrift "Hier wurde Portugal geboren" bezeugt, die am mittelalterlichen torre angebracht ist.

Neben der Burg lohnt sich auch eine Besichtigung des wuchtigen Paço dos Duques de Bragança, direkt unterhalb der Burg gelegen. Der Herzogspalast wurde von Afonso, dem ersten Herzog des Geschlechts Bragança, im 15. Jahrhundert erbaut. Zu Zeiten des Estado Novo war er eine Residenz Salazars. Im Innern des Palastes kann man altes Mobiliar, flämische Wandteppiche, Gemälde und chinesisches Porzellan bewundern. Nicht auslassen sollte man auch einen Bummel durch den mittelalterlichen Stadtkern von Guimarães.

Wem soviel Kultur zu viel ist, dem sei als belebender Abschluß der bunte laute und volle Markt in Barcelos empfohlen, ein Erlebnis ganz anderer und ganz eigener Art: Bäuerinnen mit derbem Gesicht hocken wild durcheinander gewürfelt auf dem Boden, vor sich den Ertrag ihrer Felder, Kartoffeln, Karotten, Pflaumen, Erdbeeren und Kohl. Dazwischen flattern nervöse Hühner, denen durch zusammengeschnürte Füße eine Flucht unmöglich gemacht wird. Verkaufsstände locken mit Unmengen an Pudding-, Sahne- und Schokotörtchen, daran an schließen sich Kisten mit winzigen Fischen und Auslagen mit riesigen gelblichen Bacalhau-Platten. Hier findet sich für jeden etwas, von Schuhen, Kleidern, Blumen, Töpfereien und Heiligenbildern bis hin zum unvermeidlichen schwarzen Hahn, dem Symbol der Stadt, der sich zum Wappentier von ganz Portugal gemausert hat. Unsterblichen Ruhm erlangte dieser Hahn durch die Rettung eines zu Unrecht zum Tode verurteilten galicischen Pilgers, der dem Richter gegenüber behauptete, der Hahn, den dieser im Begriff war zu verspeisen, würde aufstehen und krähen, wenn er gehängt würde. Der Richter blieb unbeeindruckt, doch das Wunder geschah. Als der Pilger gehängt wurde, stand das Tier wie vorhergesagt vom Teller auf und krähte. Der Gehängte, der dank eines losen Knotens überlebt hatte, wurde daraufhin frei gesprochen. So hat der Hahn die Zeit überlebt und wird heute als Erinnerungsstück vermarktet.

(c) Veröffentlicht in der Zeitschrift der Deutsch-Portugiesischen Gesellschaft, Landesverband Baden-Württemberg

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