Lissabon und Umgebung

Heinrich, der Seefahrer Portugal, "wo das Land aufhört und das Meer beginnt", um mit dem Dichter Luis de Camões zu sprechen, der seiner Heimat mit dem Epos "Die Lusiaden" ein unvergängliches Denkmal setzte, assoziieren heute noch immer viele mit dem Algarve, der Strand- und Sonnenhochburg im Süden. Doch der Nachbar Spaniens am Rande der alten Welt hat viel mehr zu bieten als goldenen Sand und rotgelb leuchtende Felsen.

Wir beginnen unsere Reise in der Hauptstadt Lissabon, der weißen Stadt am Ufer des grünblau glitzernden Tejo, die sich über sieben Hügel ausbreitet und schon viele Besucher in ihren Bann gezogen hat. Einst Ausgangspunkt für die Entdeckungen von Heinrich, dem Seefahrer, ist Lissabon heute eine Großstadt mit vielfältigem Angebot, die sich ihren Charme im Kleinen bewahrt hat. Wer es beschaulich mag, bummelt durch die Alfama, die verwinkelte Altstadt mit ihren schmalen Gäßchen, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Bunte Wäschestücke hängen aus den Fenstern der eng zusammengedrängten Häuschen, Kanarienvögel zwitschern aus Käfigen neben der Haustür, und wenn man Glück hat, kann man den köstlichen Duft frisch gegrillter Sardinen schnuppern.

Hoch oben über der Alfama thront majestätisch das Castelo de São Jorge, von wo aus man einen herrlichen Blick über das Dächermeer der Hauptstadt genießt. In der Ferne spannt sich der leuchtend rote Metallbogen der Ponte do 25 de Abril über den Tejo, so benannt zur Erinnerung an den Militärputsch vom 25. April 1974, der als Nelkenrevolution in die Geschichte einging und der von Salazar errichteten Diktatur ein Ende machte. In der Baixa, der von Marquês de Pombal nach dem verheerenden Erdbeben 1755 am Reißbrett entworfenen geometrisch angelegten klassizistisch geprägten Unterstadt, laden breite Prachtstraßen zum Flanieren, Bummeln und Shoppen ein. Am besten läßt sich das Treiben des geschäftigen Herzens Lissabons von einem der Straßencafés aus beobachten.

Der Fahrstuhl Santa Justa, von einem Schüler Gustave Eiffels entworfen, bringt uns in die Oberstadt, das Bairro Alto. Berühmtestes Viertel des Bairro Alto ist sicherlich der Chiado mit seinen eleganten Läden, Kaufhäusern und Cafés. 1988 erschütterte ein Aufschrei des Entsetzens ganz Lissabon, als die Nachricht vom Großbrand im Chiado bekannt wurde, bei dem einige bedeutende Gebäude aus dem 18. Jahrhundert zerstört wurden. Die Restaurierungsarbeiten sind noch nicht ganz abgeschlossen. Im Herzen des Chiado, in der Rua Garrett, trinken wir in dem Café A Brasileira eine Bica, ein Täßchen starken Espressos. Das wunderschön eingerichtete elegante Jugendstilcafé hat Tradition. Hier traf sich der berühmte Dichter der Moderne, Fernando Pessoa, mit seinen Freunden zum Diskutieren und Philosophieren. Heute sitzt er vor dem Café - in Bronze gegossen.

Kultur und Kunst kommen in Lissabon selbstverständlich ebenfalls nicht zu kurz. Im zweitältesten Lissabonner Stadtviertel Bélem ist das beeindruckende Convento dos Jerónimos zu besichtigen. Zu Ehren Vasco da Gamas im sechzehnten Jahrhundert erbaut, ist es einer der Höhepunkte der manuelinischen Baukunst Portugals, eines nach Manuel I benannten reichen überschwenglichen Stils zwischen Gotik und Renaissance. Nicht weit davon entfernt steht das Wahrzeichen Lissabons, der Torre de Bélem. Museumsfans sei das Kutschenmuseum empfohlen, das in der ehemaligen Reitschule untergebracht ist und zu den schönsten Sammlungen dieser Art in Europa zählt.

Nach diesen vielfältigen Eindrücken läßt sich der Tag am besten in einem gemütlichen Restaurant im Bairro Alto beschließen, vielleicht bei einem knusprigen Bacalhau, für den es angeblich 365 Rezepte gibt, und einem guten Glas Colares, einem Rotwein aus der Gegend Lissabons. Und wer dann nachts um elf oder gar zwölf noch nicht zu müde sind, sollte mit offenen Ohren durch die Gassen streifen und auf die unverkennbaren schmerzlichen Klänge des Fado lauschen, Ausdruck der Saudade, jener unbestimmbaren Sehnsucht der portugiesischen Seele, die ewig unerfüllbar bleibt. Vielleicht hört er irgendwo die unverwechselbare Stimme von Mísia, wenn sie im schwarzen Kleid, eine schwarze Stola um die Schultern im Gedenken an Maria Severa, die erste große Fadista des Landes, eine dieser wehmütigen Weisen anstimmt, bei denen schon mal ein Taschentuch naß wird.

Auch die nähere Umgebung Lissabons wartet mit landschaftlichen und kulturellen Höhepunkten auf. Über Estoril, einen mondänen Badeort dreißig Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wo der Mutige sein Glück im Casino versucht und der weniger Mutige sich darauf beschränkt, die feuerrote Blütenpracht im Park der Spielbank zu bewundern, geht es nach Cascais, einen sympathischen quirligen Fischerort. Neben einem Bummel durch die malerischen Altstadtgassen sollte man es nicht versäumen, den weitläufigen Stadtpark beim Leuchtturm, dem Wahrzeichen von Cascais, zu besuchen, in dem sich unbekannte Schönheiten verstecken, wie beispielsweise ein Brunnen mit einem der typischen weißblauen Kachelbilder, den Azulejos, oder auch die von einem grün glitzernden See umgebene hübsche Burg. Ebenfalls lohnend ist ein Abstecher zum Boca do Inferno, dem Höllenschlund, wo das Meer eindrucksvoll gegen schroffe silbergraue Felsen tost und die Gischt meterhoch spritzt.

Bevor uns unsere Fahrt weiter nach Sintra führt, Höhepunkt der Sehenswürdigkeiten rund um Lissabon, folgen wir der Küstenstraße weiter bis zum Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt Europas, dort, wo das Land aufhört und das Meer beginnt, wie die steinerne Tafel stolz verkündet. Nicht nur der Ausblick auf das meist türkisblaue Meer und die mit einem grünen Teppich überzogene Felsenküste ist atemberaubend, sondern auch das Gefühl, ganz Europa im Rücken zu haben und vor sich nur die unendliche Weite des Atlantiks. Wer möchte, kann sich den Besuch dieses Ortes gegen eine geringe Gebühr offiziell bestätigen lassen und stolzer Besitzer einer handschriftlichen Urkunde mit Siegel werden.

Sintra, das schon Hans Christian Andersen und Lord Byron in seinen Bann zog, der das Städtchen wegen seiner üppigen tropischen Vegetation und seiner zahlreichen Parks als "Garten Eden" bezeichnete, wird von dem verspielten Palácio da Pena beherrscht, der uns im diesigen Licht auf einem bewaldeten Hügel der Serra da Sintra entgegen leuchtet. Mit seinen orange und gelb bemalten Türmen und Zinnen wirkt das Zuckerbäckerschloß von Ferdinand von Sachsen-Coburg-Cohary, das zahlreiche Stile und Einflüsse in sich vereint, wie ein Märchenpalast, und entsprechend ist auch seine innere Ausstattung. Den Palast umgibt ein riesiger exotischer Park, der Sintras Ruf als "glorreich Eden" mitbegründete.

Auf dem Hügel gegenüber des Palácio da Pena finden sich die Überreste eines Maurenkastells. Der nicht beschwerliche Spaziergang hinauf zur Burg führt durch den angenehm kühlen Wald und bietet wild-romantische Ausblicke und verwunschene Winkel. Sintra wartet im Zentrum mit einer weiteren Attraktion auf, dem Palácio Real, Sommersitz der portugiesischen Könige. Er verlieh dem Städtchen sein Wahrzeichen: die beiden wuchtigen Küchenschornsteine, die wie die Türme einer Kathedrale wirken. Der Saal der Elstern ist einer Anekdote zufolge nach den geschwätzigen Hofdamen von König João I. benannt, die seiner Gemahlin zutrugen, er habe eine von ihnen geküßt. Nach so vielen Eindrücken empfiehlt sich eine Rast im knallblau gekachelten Café Paris direkt am Schloßplatz, einst Treffpunkt der Lissabonner Intellektuellen, wo man die leckeren Käsetörtchen aus Sintra probieren sollte.

Von Sintra aus sieht man auch bereits die Silhouette von Mafra am Horizont kleben, dem portugiesischen Escorial, ein wuchtiger Klosterpalast, dessen Entstehung auf einen Schwur von König João V. zurückgeht. Da in seiner Ehe mit Maria Anna von Österreich der ersehnte Thronfolger auf sich warten ließ, legte João ein Gelübde ab, als Dank für einen Erben ein Franziskanerkloster mit Basilika und Palast zu erbauen. 1717 wurde der Grundstein für das monumentale Bauwerk gelegt, an dem zeitweise 50000 Arbeiter mitwirkten, nicht unbedingt freiwillig. Wer mehr wissen möchte, dem sei der Roman Das Memorial empfohlen, in dem der diesjährige Literaturnobelpreisträger José Saramago das Schicksal eines jungen Soldaten schildert, der beim Bau von Mafra mitgearbeitet hat.

Die nächste Station unserer Reise ist Ericeira, direkt am Meer gelegen und in kurzer Zeit von Mafra aus zu erreichen. Der hübsche Ort besticht durch seine strahlend weiß getünchten und blau umrandeten Häuschen. Vor allem die Dorfkirche in blendend weißer Pracht hebt sich nahezu schmerzhaft gegen den azurblauen Himmel ab und bietet ein besonders prächtiges Motiv. Von Ericeira bis zum Cabo da Roca gibt es eine Reihe sehr schöner Sandstrände, durchsetzt mit Felsen, die sich für einen stimmungsvollen Spaziergang eignen. Wenn die Sonne morgens wie ein glutroter Ball am Horizont empor klettert, eingehüllt in einen dichten Schleier, dann tut man es am besten den Portugiesen gleich, setzt sich in den Sand, läßt die Seele aufatmen, schaut hinaus in die Ferne und wartet.

Wartet worauf? Das ist eine weitere liebenswerte Eigenheit der Portugiesen. 1578 verspielte der noch junge König Dom Sebastião das portugiesische Weltreich durch seinen Afrikafeldzug, der bei der verheerenden Schlacht von Alcácer-Quibir sein Ende fand. Den König jedoch hat niemand sterben sehen. Seine Gruft im Jerónimos-Kloster ist leer, und so warten die Portugiesen noch heute darauf, daß ihr König wiederkehrt und das Land zu seiner alten Größe zurückführt. Vielleicht hat man ja Glück. Vielleicht sieht man ihn eines Morgens auf seinem Schimmel aus dem Nebel auftauchen und über das Meer kommen. Doch nur wer an Wunder glaubt, dem geschehen sie auch.

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