Das Buch
der Unruhe
Fragment 132 (Auszüge):
Ich habe viel geträumt. Ich bin es müde, geträumt zu haben, freilich nicht müde zu
träumen. Des Träumens wird niemand müde, denn träumen heißt vergessen, und vergessen
bedrückt nicht und ist ein Schlaf ohne Träume, in dem wir wach sind. In Träumen habe
ich alles erreicht. Ich bin freilich aufgewacht, aber was macht das schon aus? Wie viele
Cäsaren bin ich gewesen!
Fragment 20 (Auszüge):
Ich kann mich mir als alles vorstellen, weil ich nichts bin. Wäre ich etwas, könnte ich
mir das nicht vorstellen. Der Hilfsbuchhalter kann träumen, er sei der Kaiser von Rom;
der König von England kann das nicht, weil es dem König von England genommen ist, in
Träumen ein anderer König zu sein als er ist. Seine Wirklichkeit verleidet ihm das
Fühlen.
Fragment 388 (Auszüge):
Der einzig wahre Reisende, den ich gekannt habe, war ein Laufjunge in einem Büro, in dem
ich seinerzeit angestellt war. Dieser Junge sammelte Werbebroschüren von Städten,
Ländern und Transportgesellschaften; er besaß Landkarten - die einen aus Zeitungen
herausgerissen, die anderen hier und dort zusammengebettelt - ; er besaß auch aus
Zeitungen und Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen. [...] Er war nicht nur der
größte, weil wahrste Reisende, den ich gekannt habe: Er war auch einer der
glücklichsten Menschen, denen ich je begegnet bin.
Fragment 150 (Auszüge):
Sehnsucht! Ich verspüre sie sogar nach dem, was mir nichts bedeutet hat, aus Angst vor
der Flucht der Zeit und dank einer Krankheit, die Geheimnis des Lebens heißt. Wenn ich
Gesichter, die ich gewohntermaßen auf meinen gewohnten Straßen sah, nicht mehr sehe,
werde ich betrübt; und doch haben sie mir nichts bedeutet; sie waren nur ein Symbol des
ganzen Lebens.
Der langweilige Alte mit den schmutzigen Gamaschen, der häufig morgens gegen halb zehn
meinen Weg kreuzte? Der hinkende Losverkäufer, der mir vergeblich auf die Nerven ging?
Der rundliche Alte mit der frischen Gesichtsfarbe und der Zigarre an der Tür des
Tabakladens? Der blasse Inhaber des Tabakladens? Was ist aus ihnen allen geworden, die,
weil ich sie sah und wieder und wieder sah, einen Teil meines Lebens ausmachten? Morgen
werde auch ich aus der Rua da Prata, aus der Rua dos Douradores, aus der Rua dos
Fanqueiros verschwinden. Morgen werde auch ich - die lenkende, fühlende Seele, das
Universum, das ich für mich darstelle - jawohl, morgen werde auch ich jemand sein, der
aufgehört hat, durch diese Straßen zu gehen und andere werden mich mit einem: »Was ist
wohl aus ihm geworden?« aus der Vergessenheit zurückrufen. Und alles, was ich tue,
alles, was ich fühle, alles, was ich erlebe, wird nicht mehr sein als ein Passant weniger
im Alltag der Straßen irgendeiner Stadt.
Fragment 85 (Auszüge)
Manchmal, wenn ich den Kopf aufhebe, der ganz verblödet ist von den Büchern, in die ich
die fremden Rechnungen eintrage, und der Abwesenheit eigenen Lebens, spüre ich einen
physischen Ekel, der von meiner gebückten Haltung herrühren mag, aber über die Zahlen
und die Enttäuschung hinausweist. Das Leben schmeckt mir fad wie ein nutzloses
Medikament. Und dann fühle ich in hellen Visionen, wie leicht mir die Entfernung von
dieser Langeweile fallen würde, wenn ich nur die Kraft besäße, sie wirklich
abzuschütteln. |