Bernardo Soares

   Bernardo Soares nimmt nicht dieselbe Stellung wie die anderen drei Heteronyme Caeiro, Reis und Campos ein. Er ist ein sogenanntes Halbheteronym, wie Fernando Pessoa es nannte. »Mein Halbheteronym Bernardo Soares, das im übrigen in vielen Dingen Álvaro de Campos ähnelt, tritt immer auf, wenn ich ermüdet oder schläfrig bin, so daß meine Fähigkeiten zu klaren Vernunftüberlegungen und meine Hemmungen ein wenig aufgehoben sind; diese Prosa ist ein ständiger Wahnwitz. Er ist ein Halbheteronym, weil seine Persönlichkeit nicht die meinige, doch nicht von ihr verschieden, wohl aber eine einfache Verstümmelung von ihr ist. Ich bin es, minus die Vernunftüberlegung und die Gefühlserregbarkeit.«

    Bernardo Soares ist der Hilfsbuchhalter aus dem Buch der Unruhe, dem wichtigsten Prosawerk Pessoas. Soares mag zwar nicht mit Pessoa identisch sein, doch schimmern Persönlichkeit und Person Pessoas durch Soares hindurch. Wie Pessoa arbeitet Soares als kleiner Angestellter in einem Handelsbüro in der Lissabonner Baixa, bewohnt ein möbliertes Zimmer in der Altstadt und nimmt dort in kleinen Lokalen seine Mahlzeiten ein. Auch er ist in seiner knapp bemessenen Freizeit als Schriftsteller tätig, jedoch im Bereich der Prosa, nicht der Poesie. Pessoa beschreibt ihn im Vorwort zum Buch der Unruhe sehr ausführlich:»Der Mann war ungefähr dreißig Jahre alt, mager und eher groß als klein, er beugte sich übertrieben nach vornüber, wenn er saß, weniger wenn er stand, und war mit einer gewissen Nachlässigkeit, aber doch nicht ganz nachlässig gekleidet. Seinem blassen, nicht gerade ausdrucksstarken Gesicht konnte auch seine Leidensmiene keinen stärkeren Ausdruck verleihen, und es erwies sich als schwierig, genauer zu beschreiben, auf welche Art Leiden diese Miene hindeutete - sie schien auf mehrere zu verweisen, auf Entbehrungen, Ängste und jenes dem Gleichmut entstammende Leid, das auftritt, wenn man viel durchgemacht hat. [...] Ich bemerkte, daß ein gewisser Ausdruck von Intelligenz in unbestimmt-bestimmter Weise seine Züge belebte. Doch verhüllte sie Niedergeschlagenheit und die Stagnation der kalten Angst mit solcher Regelmäßigkeit, daß es schwierig wurde, einen anderen Wesenszug außer diesem ausfindig zu machen. [...] Seine Stimme klang matt und zaghaft, wie die Stimme eines Menschen, der nichts erwartet, weil es ganz nutzlos ist, irgend etwas zu erwarten.«

    Pessoa hat am Buch der Unruhe über zwanzig Jahre gearbeitet. Es stellte somit kein abgeschlossenes Werk dar, sondern befand sich im Stadium ständiger Erweiterung. Erst 1982 wurden die Fragmente des Buches in Pessoas Truhe entdeckt und veröffentlicht. Das Buch der Unruhe gilt als das »traurigste Buch Portugals«. Bernardo Soares beobachtet seine Innen- und Außenwelt und führt darüber mit der Genauigkeit des Buchhalters Tagebuch. Dieses Tagebuch, das Notizen, Reflexionen, Impressionen, Meditationen und Phantasien in einer oftmals metaphorischen und lyrischen Sprache mischt, fragt nach dem Sinn des Lebens, der Bestimmung des Menschen und den Geheimnissen der Seele. Dabei werden häufig Orte und Plätze in Lissabon zum Ausgangspunkt der Überlegungen und Beobachtungen. Die berühmte Rua dos Douradores, die Straße der Vergolder, in der sich das Leben von Soares abspielt, ist dabei symbolisch als Sinnbild für die ganze Welt zu betrachten, denn, so sagt Soares: »Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorüber; wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.« Und sie erhellt letztendlich den Sinn aller Dinge: »Jawohl, diese Rua dos Douradores umfaßt für mich den gesamten Sinn der Dinge, die Lösung aller Rätsel außer der Tatsache, daß es Rätsel gibt, die keine Lösung finden können.«

    Das Buch der Unruhe vermittelt jedoch auch eine Theorie, die immer wieder in Pessoas Werk anzutreffen ist, eine Theorie, die dem Menschen das Leiden am Leben und seiner Existenz erträglicher machen kann: die Theorie der Abdankung. Hier spricht der Stoiker Pessoa:  »Glücklich, wer vom Leben nicht mehr verlangt, als es ihm aus eigenem Antrieb gibt und sich vom Instinkt der Katzen leiten läßt, die die Sonne suchen, wenn die Sonne scheint, und wenn sie nicht scheint, die Wärme, wo sie auch sein möge. Glücklich, wer mit Hilfe der Phantasie von seiner Persönlichkeit abdankt und sich an der Betrachtung fremden Lebens ergötzt [...]. Glücklich endlich, wer von allem abdankt und wem, weil er von allem abgedankt hat, nichts genommen oder verkürzt werden kann.« 

    Zwar vermittelt das Buch der Unruhe eine abgrundtiefe existentielle Traurigkeit, doch schimmert auch eine vage Hoffnung in der Düsterkeit der Welt. Ein immer wiederkehrendes Motiv im Buch der Unruhe ist der Traum. Auch der Traum hilft uns, unserer realen Welt zu entfliehen und uns eine bessere fiktive Welt zu schaffen. Doch Träume sollten stets Träume bleiben, warnt Soares, denn demjenigen, der seine Träume verliert, bleibt nichts mehr. Und schließlich wäre Pessoa nicht Pessoa, sähe er nicht in der Kunst im allgemeinen und in der Literatur im besonderen das oberste Ziel des Menschen und damit ein Licht im Dunkeln. »Die Literatur [...] scheint mir das Ziel zu sein, das jede menschliche Anstrengung ansteuern sollte, wenn sie wahrhaft menschlich und nicht ein Überrest der Tierhaftigkeit wäre [...]«.

   

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