Der Sebastianismus Pessoas und seine Vision des Fünften Reiches

     Zwar sind der sebastianistische Glaube Pessoas und seine Theorie des Fünften Reiches auch in den Bereich des Mystischen oder Esoterischen einzuordnen, doch soll dieser Aspekt wegen seines Umfangs und seiner Bedeutung, die er für Pessoa besaß, hier separat behandelt werden. Der Sebastianismus ist ein typisch portugiesisches Phänomen und eine Äußerung der seelischen Grundstimmung der Portugiesen, der saudade. Zu seinem Verständnis ist eine Kenntnis der historischen Ursprünge unerläßlich:

    Die erste Phase des Prä-Sebastianismus beginnt im 15. Jahrhundert. Damals verfaßte Gonçalo Eanes de Bandarra, ein Schuhmacher aus Trancoso, einem Städtchen im Distrikt Guarda, einige religiöse Verse, die sich in handschriftlicher und mündlicher Form verbreiteten. Bandarra, kritischer Leser der Heiligen Schrift, kündigte in seinen Lieddichtungen einen neuen Messias an. Die Inquisition stufte sein Werk jedoch als nicht sehr gefährlich ein und setzte Bandarra wieder auf freien Fuß.

    Die zweite Phase des Prä-Sebastianismus setzt mit der Regentschaft von Dom Sebastião ein, der im Alter von drei Jahren den Thron Portugals bestieg und 1568, im Alter von 14 Jahren, für volljährig erklärt wurde. Von extravagantem, ungeduldigem Temperament, träumte er davon, die nationale Größe Portugals wiederherzustellen und die Kreuzzugsidee wiederaufleben zu lassen. Ungeachtet der schlechten Finanzlage, in der sich sein Land befand, betrieb er die Eroberung Afrikas, unterstützt von Persönlichkeiten wie Luís de Camões. So entstand eine das ganze Land mitreißende Begeisterung für den geplanten Feldzug nach Marokko. 1578 jedoch erlitt das portugiesische Heer, mangels finanzieller Mittel schlecht ausgestattet, bei der Schlacht von Alcáçer-Quibir eine der verheerendsten Niederlagen der Geschichte. Von den 18000 Soldaten kehrten nur 60 zurück. Der König fiel ebenfalls, doch seine Leiche wurde niemals gefunden. Die nachfolgenden Streitigkeiten um den Thron des ehe- und kinderlosen Dom Sebastião machte sich der starke Nachbar Spanien zunutze. 1580 marschierte Philipp II von Spanien mühelos im geschwächten Portugal ein und übernahm die Macht. Unter der harten spanischen Herrschaft wurde der gefallene König vom geplagten Volk zum letzten verklärten Helden hochstilisiert. Man nannte ihn O Desejado, der Ersehnte, da alle inständig darauf hofften, er käme eines nebligen Morgens von einer fernen Insel auf seinem Schimmel zurück, um das Land zu retten und zu seiner alten Größe zurückzuführen. Die Lieddichtungen des Bandarra bekamen selbstredend eine neue Bedeutung. In dem darin angekündigten Messias sah man keinen anderen als Dom Sebastião, der zurückkehren mußte, um ein neues dauerhaftes Reich zu gründen. 

    Dieses neue Reich wird nach Pessoa das sogenannte Fünfte Reich sein. Vorgänger des Fünften Reiches sind die folgenden: »Griechisches Reich (womit alle Kenntnisse und die gesamte Erfahrung der vorkulturellen antiken Imperien gemeint sind); Römisches Reich (das die gesamte Erfahrung und Kultur der Griechen zusammenfaßt und in seinem Umkreis als Völker verschmilzt, die damals oder später unsere Zivilisation ausgemacht haben); Christliches Reich (das den Raum des Römischen Reiches mit der Kultur des Griechischen Reiches verschmolzen und ihm orientalische Elemente jeglicher Art, darunter das hebräische, hinzugefügt hat); und das Englische Reich (das die Errungenschaften der drei anderen Reiche über die gesamte Erde verteilt hat. [...] Das Fünfte Reich wird notwendigerweise diese vier Reiche mit allem verschmelzen, was außerhalb von ihnen steht, und also das erste wahrhaft weltumspannende oder universale Reich sein.« 

    Das Fünfte Reich Pessoas darf keinesfalls als ein politisches mit Herrschafts- oder Expansionsansprüchen verstanden werden. Es ist rein kultureller Art. Es ging Pessoa um die Erschaffung der absoluten und idealen Kultur, die sich aufgrund ihrer Brillanz in der gesamten Welt unwillkürlich und ganz natürlich durchsetzt - um ein Imperium der Dichtung, denn »der Imperialismus der Dichter dauert fort und herrscht weiter; derjenige der Politiker geht vorbei und wird vergessen, wenn ihn nicht der Dichter in Erinnerung bringt, der sie besingt. Wir sagen: Cromwell hat dies und das getan, aber Milton sagt. Und man [...] wird sich nur an Cromwell erinnern, weil Milton auf ihn in einem Sonett angespielt hat. Mit Englands Ende wird auch enden, was man als Cromwells Werk ansehen kann [...]. Aber die Dichtung Miltons wird erst zu Ende gehen, wenn der Mensch auf Erden ans Ende gelangt ist oder die ganze Zivilisation, und selbst dann weiß man nicht, ob sie wirklich enden wird.«

    Nach Pessoa wird Portugal die kulturelle Macht der Zukunft sein, die das Fünfte Reich einläutet. Diese Theorie wird von Pessoas Hoffnung auf die kulturelle Wiedergeburt seines Landes genährt. Bereits bei seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1912 sprach Pessoa in einem Artikel in der Zeitschrift A Águia von der baldigen Ankunft des Super-Camões. Ihren Höhepunkt erreicht die pessoanische Prophezeihung des Fünften Reiches mit der Botschaft, einer 1934 veröffentlichten Gedichtsammlung.

    Die Botschaft ist die Antwort der Moderne auf das historische Epos Die Lusiaden von Luís de Camões. Sie setzt dort ein, wo die Lusiaden aufhören. Der vom alten Nationaldichter aus den Großtaten und Entdeckungen seines Landes gewebte Mythos ist der Ausgangspunkt für Pessoa. Pessoa setzt bei diesem Mythos an und leitet daraus eine großartige Zukunft für das moderne Portugal ab. Er will seinem Land, das er in eine Lethargie unter dem faschistischen Salazar, in Nebel (sic!), versunken sieht, Mut machen, sich an seine neue vorbestimmte Aufgabe zu wagen, die Aufgabe, eine kulturelle Hegemonie zu schaffen. Die historischen Leistungen und Gestalten gelten bei Pessoa nur als Indikatoren für die künftige Bestimmung, und so steht auch nicht die historische Realität im Vordergrund, sondern die mythische Bedeutung der in der Botschaft besungenen Figuren, darunter Odysseus, sagenhafter Gründer Lissabons, Viriatus, legendärer Widerstandskämpfer gegen Rom, und Dom Sebastião, der ersehnte Messias. Die Theorien des Sebastianismus und des Fünften Reiches sind wahrhaft portugiesische Erscheinungen und kein europäischer Import wie zum Beispiel der Sozialismus und nach Ansicht von Pessoa daher geeignet, anstelle geistiger Mächte aus dem Ausland, zu denen er auch den Katholizismus zählte, eine entscheidende Rolle in der neuen Zukunft seines Landes zu spielen. In Sobre Portugal schreibt Pessoa: »Laßt uns mit Rom brechen. [...] Wir brauchen die sieben Hügel Roms nicht: Auch hier in Lissabon haben wir sieben Berge. Erbauen wir auf ihnen unsere Kirche. Hören wir auf, Gott zu importieren. [...] Treiben wir also das römische Element aus! Wenn es Religion in unserem Patriotismus geben muß, ziehen wir sie aus diesem Patriotismus heraus. Glücklicherweise besitzen wir sie: den Sebastianismus. «

    Pessoa war sich durchaus bewußt, daß seine Botschaft utopischen Charakter hatte. Er war jedoch der Auffassung, daß allein das Bestreben an sich, eine kulturelle Führungsrolle zu übernehmen, schon lobenswert sei. Ein Gelingen des Unternehmens sei umso besser. Auch sieht er keinerlei Gefahren in einem solchen Machtanspruch Portugals, denn Bandarra prophezeite Frieden auf der ganzen Welt. Weltumspannender Friede, so Pessoa, erfordert eine bisher nie dagewesene Brüderlichkeit der Menschen, die jedoch eine gemeinsame Sprache voraussetzen wird. So fragt er: »Was sollte Schlimmes daran sein, wenn wir uns auf diese kulturelle Herrschaft vorbereiten, selbst wenn wir sie nicht erreichen? Wir wollen keinen Tropfen Blut vergießen [...] Wir wollen eine Sprache durchsetzen, nicht einen Machtanspruch; wir stehen keiner Rasse und keiner Hautfarbe feindlich gegenüber [...] Wenn wir scheitern sollten, haben wir doch immerhin etwas erreicht: die Vervollkommnung der Sprache. Im schlimmsten Fall schreiben wir immerhin besser. Wir dienen unmittelbar der allgemeinen Kultur und der Zivilisation: Auch wenn wir nicht mehr geleistet hätten, brauchten wir uns dessen nicht zu schämen.«

    Die Botschaft besteht formal aus drei Teilen mit den Titeln Wappen, Portugiesisches Meer und Der Verhüllte. Diese drei Teile enthalten insgesamt vierundvierzig Gedichte, die zu Gruppen zusammengefaßt sind und wichtige Symbole, Figuren und Ereignisse der portugiesischen Geschichte zum Inhalt haben. Noch bevor die Botschaft in den Läden erhältlich war, bewarb sich Pessoa damit um einen vom Propagandasekretariat ausgeschriebenen Preis - und kam auf den zweiten Platz. Den ersten Preis bekam der Mönch Vasco Reis mit seinem Werk Die Pilgerfahrt. Die Entscheidung der Jury ist viel diskutiert worden und heute wie damals nicht nachvollziehbar. Begründet wurde sie letztlich damit, daß die Botschaft nicht den vorgeschriebenen Mindestumfang von 100 Seiten erreichte. Der sogenannte Antero-Quental-Preis, den Pessoa für die Botschaft erhielt, blieb zu seinen Lebzeiten seine einzige Einnahme durch literarisches Schaffen.

    Im Zusammenhang mit der Botschaft nicht unerwähnt bleiben sollte die Elegie im Schatten, ein Gedicht, das Pessoa wenige Monate vor seinem Tod verfaßte und in dem seine ganze Resignation über die Verspätung des Messias zum Ausdruck kommt, dessen Ankunft er doch in der Botschaft für unmittelbar bevorstehend ankündigt. Aus der Elegie spricht die Entmutigung eines körperlich geschwächten und seelisch durch den Estado Novo bedrängten Dichters, der gegen die Diktatur angeht und in seiner Verzweiflung sein Land auffordert, weiter zu schlafen, denn der Ersehnte sei doch nichts weiter als ein verrückter Traum. Die Elegie ist die Realität, die Botschaft die Utopie.

 

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