Ricardo Reis

   Ricardo Reis ist der erste Schüler von Alberto Caeiro. Er wurde am 19. September 1887, ein Jahr früher als Pessoa, in Porto geboren und in einer Jesuitenschule erzogen. Von mattbraunem Teint, wirkte er trockener, kleiner und stärker als sein Meister. Von seiner Einstellung her überzeugter Monarchist, emigrierte er im Jahr 1919, als in Portugal die Republik ausgerufen wurde, nach Brasilien, wo er bis zu seinem Tode am 30. November 1935 blieb. Reis war Arzt, aber es ist nicht sicher, ob er diesen Beruf tatsächlich ausübte. In seinem Roman Das Todesjahr des Ricardo Reis beschreibt José Saramago, Literaturnobelpreisträger 1998, eindringlich und mitreißend die letzten Lebensmonate von Reis, der in einem Lissabonner Hotel seinem Schöpfer Pessoa begegnet.

    Aus den Páginas íntimas e de auto-interpretação läßt sich die ästhetische Absicht Pessoas erkennen, die hinter der Entstehung von Ricardo Reis steht. »Dr. Ricardo Reis wurde in meiner Seele am 19. Januar 1914 um 11 Uhr nachts geboren. Am Vortag hatte ich bei einer ausgedehnten Diskussion über die Exzesse der modernen Kunst, vor allem bei ihrer Verwirklichung zugehört. Nach meiner Gewohnheit, die Dinge zu fühlen, ohne sie zu fühlen, ließ ich mich auf der Welle dieser momentanen Reaktion treiben. Als mir zu Bewußtsein kam, worüber ich nachdachte, sah ich, daß ich eine neuklassische Theorie entwickelt hatte und daß ich an ihr weiterarbeitete.« In einem Brief an den Dichter und Kritiker Adolfo Casais Monteiro charakterisiert Pessoa Ricardo Reis als Latinist dank fremder und halber Hellenist dank eigener Erziehung.

    In den bereits erwähnten Páginas íntimas findet sich ein kurzer Abriß über die Poesie von Ricardo Reis, der von Frederico Reis verfaßt wurde, vermutlich ein Verwandter des Dichters. Frederico schreibt, die Philosophie von Ricardos Werk laufe auf ein »trauriges Epikureertum«  hinaus. »Jeder von uns [...] muß sein eigenes Leben leben, sich von den Mitmenschen isolieren und nur das anstreben, [...] was ihm gefällt und Vergnügen bereitet. Er soll nicht nach heftigen Genüssen streben und auch nicht vor schmerzlichen Empfindungen flüchten, sofern sie nicht extrem sind. Ein Minimum von Schmerz [...] anstrebend, soll der Mensch vor allem die Stille, die Ruhe suchen und sich von der Anstrengung und nützlicher Tätigkeit fernhalten. Solange die Barbaren (die Christen) herrschen, muß die Haltung der Heiden diese sein. [...] Das tieftraurige Werk von Ricardo Reis ist ein hellbewußter, disziplinierter Versuch, irgendeine Ruhe zu erreichen.«

    Die Dichtung des dekadenten Neoklassikers Reis beschwört keine heitere Antike herauf. Über allem schwebt die drohende Macht des Schicksals, das den Menschen und sein Handeln bestimmt. Da die Götter nicht eingreifen, muß sich der Mensch mit seinem Schicksal abfinden und es akzeptieren. Nur wenn er sich selbst und seine Nichtigkeit erkennt, kann er von sich selbst abdanken. Diese Theorie der Abdankung findet sich an mehreren Stellen in Pessoas Werk (siehe dazu die Ausführungen zum Buch der Unruhe unter Bernardo Soares).

   Eine ausgewählte Ode und eine Ode aus der Zeitschrift Presença

 

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