Die Orpheu

   Die Orpheu war die Zeitschrift der portugiesisch-brasilianischen Avantgarde. Zu den Mitarbeitern der Orpheu gehörten neben Fernando Pessoa, der orthonym und heteronym als Álvaro de Campos auftrat, unter anderem Luís de Montalvor, Mário de Sá-Carneiro, Armando Côrtes-Rodrigues, Ronald de Carvalho, Alfredo Pedro Guisado, José de Almada-Negreiros und Santa-Rita Pintor. Die Orpheu war aristokratisch, elitär und antibürgerlich und richtete sich gegen den lepidóptero, den bourgeoisen Reaktionär und Ignoranten, der die ästhetischen Ideen der Moderne nicht begriff und stur am Prinzip des Naturalismus festhielt.

    Die Idee für eine Zeitschrift war erstmals im Sommer 1914 aufgekommen, als Sá-Carneiro und Santa-Rita Pintor aus Frankreich die Theorien des Kubismus und des Futurismus nach Portugal brachten. Die französischen Literatur- und Kunstzeitschriften, die in Lissabon kursierten, fanden in der heimischen Presse spöttische Kritik, was die Lissabonner Intellektuellen jedoch nur stärker für die neuen Ismen sensibilisierte. So orientierte sich die Orpheu denn auch an Dadaismus, Kubismus, Symbolismus und Futurismus und erfand darüber hinaus noch eigene Ismen, nämlich den Sensationismus, den Paulismus und den Intersektionismus.

    Ende März 1915 erschien die erste Ausgabe der Orpheu, unter der Leitung von Montalvor. Sie war 83 Seiten dick, auf sehr gutem Leinenpapier gedruckt und enthielt unter anderem eine Gedichtfolge von Sá-Carneiro in der Tradition des dekadenten Symbolismus, ein paulistisch angehauchtes Werk von Côrtes-Rodrigues und Der Seemann von Pessoa. Ein echtes Novum für die portugiesische Literatur und für den vielzitierten Skandal verantwortlich waren jedoch die Opiumhöhle und die Triumph-Ode von Álvaro de Campos sowie das Gedicht 16 von Sá-Carneiro, das im folgenden auszugsweise zitiert wird.

    Die Tische im Café sind, luftgeschaffen, verrückt geworden...
    Ein Arm ist mir heruntergefallen...Schau, er geht tanzen,
    Im vollen Wichs, in den Salons von Virrey...

    Die Presse reagierte nur wenige Tage später. »Diese Dichter [zählen] zu einer Kategorie von Individuen, die die Wissenschaft zwar als in die Irrenhäuser gehörig definiert und klassifiziert hat, die diese aber ohne größere Gefahr verlassen dürfen.« Der Triumph-Ode wurde nachgesagt, sie besinge »die unfeinsten und unpoetischsten Themen unserer Epoche mit schreckhaften, mitunter pornographischen Verbalausdrücken.« Die Orpheu-Künstler wurden zum Tagesgespräch von Lissabon. Auch die humoristische Presse schlachtete die Situation für sich aus und veröffentlichte eine paar derbkomische Verse. Die Kampagne gegen die Orpheu-Gruppe ging so weit, daß sie beschuldigt wurde, mit der monarchistischen extremen Rechten in Verbindung zu stehen, was Pessoa jedoch in einem Artikel der Zeitung O Jornal zurückwies. Der Aufruhr um die Orpheu führte dazu, daß die Nummer nach drei Wochen komplett vergriffen war.

    Die zweite Nummer der Orpheu erschien im Juni desselben Jahres, diesmal mit Sá-Carneiro und Pessoa als Direktoren. Als ironische Reaktion auf den Presseangriff machte sie mit den Gedichten eines authentischen Patienten einer Psychiatrie auf, Ângelo de Lima. Außerdem wurden Gedichte von Sá-Carneiro, Côrtes-Rodrigues und Santa-Rita Pintor sowie die Meeres-Ode von Campos abgedruckt, eines der besten Gedichte, die je in portugiesischer Sprache geschrieben wurden. Doch die Orpheu sollte nicht über ihre zweite Ausgabe hinauskommen. Es kam zu inneren Spannungen in der Gruppe, die letztendlich zur Trennung führten. Anlaß dafür war ein Straßenbahn-Unfall des demokratischen Politikers Afonso Costa, den Campos auf mißglückte Art kommentierte. Die Zeitung A Capital, die maßgeblich an der Verunglimpfung der Orpheu beteiligt war, druckte Auszüge eines Briefes von Campos über den Futurismus, in dem er schrieb, es sei »geschmacklos, die Verbindung zum Futurismus in einem derart feinmechanischen Moment zu bestreiten, in dem die gleiche göttliche Vorsehung für die höheren Belehrungen sich der Straßenbahnen bedient.«

    Die Mitglieder der Orpheu-Gruppe distanzierten sich von Campos' Verhalten. Sá-Carneiro ging nach Paris. Er litt immer stärker unter psychischen Störungen. Zwar arbeitete Pessoa an der dritten Ausgabe der Orpheu, mußte dieses Vorhaben jedoch wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgeben.

 

Home