Ophélia Queiroz

   »Ich habe Fernando an dem Tage kennengelernt, als ich mich auf eine Annonce hin vorstellte, und es gibt dazu sogar eine ulkige Geschichte, die es sich lohnt zu erzählen.
   Da es zu jener Zeit nicht üblich war, daß die Mädchen allein ausgingen, wurde ich von einer Hausangestellten meiner Schwester begleitet [...]. Als wir ankamen und an die Tür des Büros klopften, war es noch geschlossen, weshalb wir warten mußten.
   Auf einmal sahen wir einen ganz in schwarz gekleideten Herrn die Treppe heraufsteigen [...], mit einem Hut mit umgeschlagener und gesäumter Krempe, Brille und einer Fliege um den Hals. Beim Gehen schien er den Boden nicht zu berühren. Und seine Hosenbeine steckten - gar nichts Ungewöhnliches - in Gamaschen. Das reizte mich - ich weiß nicht weshalb - schrecklich zum Lachen, und es kostete mich große Mühe zu sagen, ich wolle auf die Annonce antworten, als er uns schüchtern fragte, was wir wünschten.
   Das war mein erstes Bild von Fernando.«

   Ophélia Queiroz ist die einzige bekannte namorada von Fernando Pessoa. Er lernte sie im März 1920 bei Félix, Valladas e Freitas kennen, wo er als Handelskorrespondent arbeitete und sie sich als Stenotypistin und Übersetzerin bewarb. Ophélia war neunzehn Jahre alt, als sie Fernando kennenlernte, also zwölf Jahre jünger als er, und weil »ich sehr klein und mager war, obwohl Arme und Beine mollig waren (ich hatte eine hübsche Figur), und weil ich mich nicht schminkte, wirkte ich noch jünger, als ich in Wirklichkeit war.«

   Vor den anderen Angestellten versuchte Fernando Pessoa, seine Zuneigung zu Ophélia zu verbergen, doch wenn er mit ihr allein war, versteckte er seine Gefühle für sie nicht. Eines Tages, als das Licht im Büro ausgefallen war und Pessoa eine Petroleumlampe besorgt hatte, bat er Ophélia in einem Briefchen, nach Büroschluß noch dazubleiben. »Er setzte sich auf meinen Stuhl, stellte die Lampe ab [...] und begann sich mir zugewandt zu erklären, wie Hamlet sich Ophélia erklärt hat. Meine liebe Ophélia! Meine Verse hinken;mir fehlt die Kunst, meine Seufzer abzumessen; aber ich liebe dich ganz ungeheuer. Bis zum Äußersten, glaub mir das!« Als Ophélia daraufhin verwirrt das Büro verlassen wollte, nahm er sie in die Arme und küßte sie leidenschaftlich. In den nächsten Tagen schien Pessoa diesen Vorfall jedoch gänzlich vergessen zu haben, woraufhin Ophélia ihm einen Brief schrieb und eine Erklärung forderte. Sein Antwortbrief besiegelte die offizielle Verlobung.

   Nahezu jeden Tag legte er kleine Geschenke, ein Püppchen aus Draht, ein Medaillon, einen Armreif, in ihre Schublade, schrieb Verse für sie oder übersandte ihr geheime Botschaften, in denen er sie aufforderte, sie solle ihn küssen. In seinen zahlreichen Liebesbriefen nannte er sie Baby, kleines Baby, Baby-Engelchen oder Mädelchen, doch hinter dieser kindlich-liebkosenden Sprache brannte eine feurige Leidenschaft, die sich gelegentlich stürmisch äußerte. Fernando Pessoa war sanft, zartfühlend und zärtlich gegenüber Ophélia und hegte ernsthafte Absichten, sie zu heiraten, doch seine prekäre finanzielle Lage hinderte ihn daran. In der Hoffnung auf den Hauptgewinn nahm er deshalb als Mr. Crosse an den Scharadenwettbewerben einer englischen Tageszeitung teil. Sein großer Wunsch ging jedoch nie in Erfüllung.

   Fernando Pessoa verlangte auch weiterhin die Geheimhaltung der Beziehung zu Ophélia bei der Arbeit und willigte auch niemals ein, Ophélia in ihrem Elternhaus zu besuchen, was sie jedoch nicht verstand. »Weißt du, du mußt verstehen, so macht das jedermann, aber ich bin nicht jedermann.« Sie bedrängte ihn weiter, ihre Eltern begannen sich einzumischen, und die Beziehung zwischen den beiden Verlobten bekam Risse. Ein wichtiger Aspekt, der bei der Erforschung der Trennungsgründe nicht vernachlässigt werden darf, ist auch die Tatsache, daß Álvaro de Campos, Pessoas Heteronym mit homoerotischen Neigungen, mehr und mehr in die Beziehung involviert wurde und daß dieser Ophélia nicht mochte, vielleicht, weil er sie als seine Konkurrentin betrachtete. So schrieb Campos im Oktober 1935 als Rechtfertigung für Pessoas Liebesbriefe an Ophélia:

   Alle Liebesbriefe sind lächerlich.
   Sie wären nicht Liebesbriefe, wären sie nicht lächerlich.

   Auch ich schrieb zu meiner Zeit Liebesbriefe,
   wie alle anderen, lächerlich.

   Im November 1920 brach Fernando Pessoa den Kontakt mit Ophélia ab.

   Neun Jahre später bekam die alte Liebe durch einen Zufall wieder Nahrung. Aus Gedichten von Fernando Pessoa, die er in der Zwischenzeit geschrieben hatte, läßt sich ableiten, daß er Ophélia nie vergessen hatte und auf einen Neuanfang hoffte. Carlos Queiroz, Schüler von Pessoa und Neffe von Ophélia, brachte die beiden wieder zusammen. Er zeigte Ophélia ein Foto von Fernando Pessoa, wie er in einer Niederlassung der Wein- und Spirituosengroßhandlung Abel Pereira da Fonseca Wein trank. Ophélia bat um einen Abzug und erhielt einen solchen mit dem berühmt gewordenen Schriftzug »Fernando Pessoa bei flagrantem delitro«. Die beiden begannen sich wiederzusehen, diesmal sogar in Ophélias Wohnung, allerdings in Anwesenheit Carlos'. Álvaro de Campos, der Schiffsingenieur, begann erneut, gegen die wieder aufflammende Liebelei vorzugehen. Ophélia wehrte sich gegen die seltsame ménage à trois. Wieder zerbrach die Beziehung, diesmal endgültig, doch blieben die beiden in Freundschaft verbunden und schickten sich jedes Jahr Geburtstagsgrüße.

   Aus dieser Erfahrung Pessoas rührt möglicherweise seine eklatante Negation der Liebe im Buch der Unruhe. Auszug aus dem Fragment 416: »Wir lieben niemals irgendjemanden. Wir lieben ganz allein die Vorstellung, die wir uns von jemandem machen. Unser eigene Meinung - letztlich also uns selbst - lieben wir.«

 

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