Der Mystizismus Pessoas

   Fernando Pessoa hat sich zeitlebens mit okkulten Lehren beschäftigt. In einer von ihm verfaßten Notiz aus dem Jahre 1906 schreibt er: »Aber seit ich meiner selbst bewußt bin, bemerkte ich, daß ich eine angeborene Tendenz zur Mystifikation, zur künstlerischen Lüge hatte. Zu alldem füge man hinzu eine große Vorliebe für das Geistige, für das Geheimnisvolle, für das Dunkle [...].« Ein nicht unwesentlicher Teil der Dichtung Pessoas ist von den Geheimlehren des Abendlandes beeinflußt und kreist um Fragestellungen wie dem Sinn der menschlichen Existenz und der Beziehung zwischen Mensch und Gott.

    Zwar wurde Pessoa in seiner Kindheit konventionell katholisch erzogen, doch hat er sich schon bald von der organisierten Kirche gelöst. Nachdem er aus Südafrika in seine Heimat zurückgekehrt war, sympathisierte er mit dem von der geistigen Elite vertretenen Antiklerikalismus, der in der katholischen Kirche die Hauptursache für die Rückständigkeit Portugals sah. Wie viele Politiker und Schriftsteller seines Landes, hielt Pessoa eine geistige Renaissance nur dann für realisierbar, wenn der Kirche kein Einfluß mehr auf Politik und Bildungswesen gewährt wurde. Eine solche Trennung zwischen Kirche und Staat versuchten die Republikaner in Portugal zu erreichen, und das Neuheidentum Pessoas zielt auf der geistigen Ebene in dieselbe Richtung.

    Die Sinnfrage ist ein zentrales Thema in Pessoas Werk. So hat sich der Dichter mit den verschiedensten religiösen und philosophischen Bewegungen auseinandergesetzt. Sein besonderes Interesse galt der Theosophie. Er übersetzte einige der wichtigsten theosophischen Schriften, unter anderem von Annie Besant und Madame Blavatsky, ins Portugiesische und fand dadurch immer stärkeren Zugang zu dieser Strömung, von der er glaubte, sie könne die einzig brauchbare Weltdeutung sein.

    Die Begeisterung Pessoas für den Okkultismus äußerte sich des weiteren dadurch, daß er im Hause seiner Tante Anica an spiritistischen Sitzungen teilnahm und seine Fähigkeit zum Medium entdeckte. Er übte sich in der écriture automatique und behauptete, durch die Kleidung anderer Menschen hindurchblicken und ihr Gerippe sehen zu können. Bekannt ist auch Pessoas Vorliebe für Astrologie. Nicht nur für seine Heteronyme, sondern auch für seine Zeitschrift Orpheu und seine Heimat Portugal stellte er Horoskope auf. Offenbar hegte er ernsthafte Absichten, sich in Lissabon als Astrologe niederzulassen.

    In diesem Zusammenhang sei auf die Episode mit Aleister Crowley vom Order of the Golden Dawn verwiesen, der in seinen Confessions ein Horoskop veröffentlichte. Pessoa entdeckte darin Fehler und machte Crowley darauf aufmerksam. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine Korrespondenz zwischen den beiden, die schließlich in ein persönliches Treffen in Lissabon mündete, als Crowley 1930 wegen finanzieller Schwierigkeiten kurzfristig sein Land verließ und sich nach Portugal absetzte. Im Oktober kam es zu einem Vorfall, über den sogar in der Presse berichtet wurde. Aleister Crowley verschwand auf mysteriöse Weise, und in der Nähe des Boca do Inferno bei Cascais wurden sein Zigarettenetui sowie ein Brief gefunden, der auf einen Selbstmord aus Leidenschaft hindeutete. Die Polizeiakten belegten, daß Crowley am 23. Oktober die Grenze nach Spanien passiert hatte, doch Pessoa sagte aus, er habe Crowley einen Tag später, am 24. Oktober, zwei Mal in Lissabon gesehen, wobei es sich, wie er schließlich andeutete, durchaus um den Astralleib seines Bekannten hätte handeln können. Crowley tauchte später wieder in London auf, und es wurde nie geklärt, ob sich der britische Magier einen Scherz erlaubte.

    In seinen letzten Lebensjahren hat sich Pessoa intensiv mit den Lehren der europäischen Geheimorden befaßt. Zu seiner Lektüre gehörten unter anderem Werke über die Rosenkreutzer. Ihrem Gründer hat Pessoa das Gedicht Auf das Grab von Christian Rosenkreutz gewidmet. Zum verfolgten Orden der Templer hatte Pessoa eine besondere Beziehung. Die Frage, ob Pessoa selbst den Templern angehörte, kann keine endgültige Antwort finden, da er uns zwei widersprüchliche Aussagen dazu hinterlassen hat. In dem bereits erwähnten Brief an Adolfo Casais Monteiro vom Januar 1935 geht er auf das Thema ein und schreibt, er gehöre keinem Einweihungsorden an. Laut der von ihm im gleichen Jahr verfaßten biographischen Notiz hingegen ließ er sich in die drei minderen Grade des Templerordens einweihen. Pessoa war sich der eventuellen Folgen einer Einweihung wohl bewußt und setzte sich damit in dem Gedicht In des Mont' Abiegno Schatten auseinander.

    Pessoa scheinen vor allem die geheimnisvollen Riten der Initiierung fasziniert zu haben. Er glaubte an eine Hierarchie der Geister, in der die Seele mit jeder Wiedergeburt aufsteigt, und fand in den verschiedenen Graden der Einweihung eine Entsprechung zu diesen Hierarchiestufen. Für den Dichter Pessoa bedeutete der Aufstieg in der Hierarchie die stetige Vervollkommnung der literarischen Fähigkeiten, also die Entwicklung vom Schüler zum Meister. Pessoas Theorie von der ewigen Wiederkehr des Menschen und dem damit verbundenen graduellen Aufstieg des Eingeweihten beinhaltet auch die Abwertung und letztendlich die Aufhebung des Todes und spricht damit eine Botschaft der Hoffnung und des Trostes aus. Eines der am häufigsten zitierten Gedichte zu diesem Thema heißt bezeichnenderweise Einweihung.

    Dennoch läßt sich aus diesen esoterischen Gedichten nicht ableiten, wo Pessoa selbst stand, was den Okkultismus anbelangt. Wir können lediglich feststellen, daß er sich in seinen letzten Lebensjahren wieder verstärkt zum Christentum hinwandte, jedoch nicht zur organisierten Kirche. So bezeichnet er sich selbst in der oben erwähnten biographischen Notiz als gnostischen Christen.

 

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