Momentaufnahmen


    »Die besondere Scheu, die er stets am Leibe hatte, verbunden mit der unerbittlich beibehaltenen Entschlossenheit, sich überall eine völlige Bewegungsfreiheit und Freiheit des Handelns zu bewahren, schränkten in gewisser Hinsicht die Intimität des Zusammenlebens mit ihm ein; denn der Dichter kannte sein ganzes Leben lang nur den einen Wunsch (und vermochte ihn auch durchzusetzen), ohne festen Stundenplan zu arbeiten, die Mahlzeiten einzunehmen, wo und wann es ihm beliebte, den ganzen Tag am Kaffeehaustisch zu plaudern und während der ganzen Nacht intensiv zu schreiben - nicht nur, ohne irgend jemandem darüber Rechenschaft schuldig zu sein, sondern auch, ohne es irgend jemandem mitteilen zu müssen. Man meine jedoch nicht, daß diese Einschränkung Kälte oder Zurückgezogenheit im Gefolge gehabt hätte: Im Zusammenleben war er immer ein unermüdlicher und einfallsreicher Gesprächspartner, der eine außerordentliche Anziehungskraft auf alle ausübte, die ihm nahe kamen.«
Eduardo Freitas da Costa, Cousin Pessoas

    »Er verabschiedete sich etwas schwankend, immer lächelnd, und ging in Richtung auf die Rua dos Douradores weiter, zu einem der Büros, wo er immer noch seine Arbeit als Auslandskorrespondent weiterführte. [...] Und kurz darauf sah ich, als ob seine Füße wirklich nicht bis zum Straßenpflaster reichten [...], wie er sich in Richtung Kirche entfernte und die kleine Rampe zur Rua dos Fanqueiros hinaufstieg, mit schwingenden Beinen, die Hutkrempen heruntergeschlagen auf den Mantelkragen, den Kopf aufgereckt, als wolle er in einer übermenschlichen Anstrengung alles tun, um ihn fest an den Rumpf gedrückt zu halten, von dem er sich flüchtig, so flüchtig wie sein ganzer Körper - Kopf, Rumpf und Glieder - mit Gewalt ablösen wollte. Er sah aus wie ein Mann, der auf dem Deck eines Schiffes entlanggeht, von den Wogen eines aufgewühlten Meeres geschüttelt wird, das ihn von Backbord nach Steuerbord wirft und von Steuerbord nach Backbord, und der alles tut, um nicht über Bord gespült zu werden.«
João Gaspar Simões, Freund und Biograph Pessoas

    »Er schrieb die Korrespondenz in Englisch und Französisch, und ich erinnere mich, daß sein Stil sehr geschätzt wurde. Seine Brille, die eher wie ein Zwicker aussah, verlieh ihm einen schüchternen Ausdruck trotz der Aggressivität seines rotblonden, amerikanisch gestutzten Schnurrbarts und bildete einen Kontrast zu den wenigen grauen Haaren, die er auf dem Kopf hatte, aber ich mochte ihn, und trotz des Altersunterschieds sprachen wir viel über die mannigfaltigsten Dinge, ohne daß ich damals noch vermuten konnte, daß der Herr Pessoa, der sich zu dieser Zeit mit mir abgab, ein wenn auch nur wenig bekannter Dichter von außergewöhnlicher Persönlichkeit war.«
Luís Pedro Moitinho de Almeida, Sohn des Inhabers eines Handelsbüros, in dem Pessoa arbeitete

    »Ich stellte ihn mir klein vor, melancholisch und von bräunlicher Gesichtsfarbe, an den düsteren Zauber der saudade gefesselt, mit dem sich seine ganze Rasse vergiftet - und stieß plötzlich auf den lebhaftesten Blick, ein sicheres, boshaftes Lächeln, ein von geheimem Leben überquellendes Antlitz.«
Pierre Hourcade, Leiter des französischen Kulturinstituts in Lissabon in Pessoas letzten Lebensjahren und erster ausländischer Übersetzer des Dichters

    »Hier [im Martinho da Arcada] saß der Dichter Fernando Pessoa Abend für Abend bis zu seinem Tode im Jahre 1935, rauchend, trinkend, stumm an einem der viereckigen grauschwarzgeäderten Marmortischchen und schrieb. [...] Jahr für Jahr saß er hier zwischen vier und sechs Uhr nachmittags am gleichen Tischchen, das stets für ihn freiblieb. Und der alte Kellner, der so hieß wie das Café, Martinho, trat herzu, und der Dichter sagte, wie an allen vorausgegangenen Tagen: »Meinen Fruchtsaft, bitte.« Und der Kellner brachte die Cognacflasche mit der blumigen Aufschrift Macieira, drei Sterne, und schenkte den gelben Saft in das Gläschen. Und der Dichter kramte seine Zettel aus der Rocktasche und begann zu schreiben.«
Curt Meyer-Clason, Auszug aus Portugiesische Tagebücher (1969 - 1976), Athenäum Verlag, Königstein/Ts, 1979

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