Auf den Spuren Pessoas in Lissabon

    Lissabon war die Stadt, in der Fernando Pessoa den größten Teil seines Lebens verbracht hat und die wie kein zweiter Ort seine Heimat geworden ist. Hier wurde er geboren, hier starb er, hier ist er begraben. In zahlreichen Gedichten, Briefen und Prosastücken hat er die weiße Stadt am Tejo und ihr unvergleichliches Lebensgefühl, die saudade, besungen. Lissabon, einst Ausgangspunkt für die Entdeckungen von Heinrich, dem Seefahrer, hat sich ihren Charme im Kleinen bewahrt. Ihr Rumpf ist die geometrisch angelegte Baixa, quirliges Zentrum mit Cafés und Straßenkünstlern, ihr pulsierendes Herz der Rossio mit seinen Blumenverkäufern und sprühenden Neptunen, ihr Kopf der Praça Marquês de Pombal, benannt nach dem Minister, der die Stadt nach dem großen Erdbeben mit kühlem Kalkül wiederaufbaute, ihre Arme führen rechts in die Viertel Graça und Alfama mit ihren schmalen Gassen und ihrem Duft längst vergangener Zeiten, links in den Chiado mit seinen eleganten Läden, Buchhandlungen und Antiquitäten, und ihre Seele, die erschließt sich in den zahlreichen Miradouros, wo die Stadt stillzustehen scheint und man nur den Himmel, die Dächer und den Tejo als Gesellschaft hat.

    Doch lassen wir Pessoa sprechen. Denn wenn es einen Dichter von Lissabon gibt, dann ist es sicherlich er. So schrieb er: »Poesie ist in allem - auf dem Lande und im Meer, an Seen und an Flußufern. Sie ist auch in der Stadt - leugne es nicht - das erscheint mir als evident hier, wo ich sitze: Poesie ist in diesem Tisch, in diesem Papier, in diesem Tintenfaß; Poesie ist im Rattern der Wagen auf den Straßen, in jeder winzigen, alltäglichen, lächerlichen Bewegung eines Arbeiters, der auf der anderen Straßenseite das Aushängeschild eines Fleischerladens malt.«

Ein Traumgesicht

Über sieben Hügeln, denen genauso viele Aussichtspunkte entsprechen und von denen man das wunderbare Panorama genießen kann, liegt die riesige, unregelmäßig bunte Häusermasse zerstreut, die Lissabon bildet. Für den Reisenden, der sich auf dem Seeweg nähert, erhebt sich Lissabon, selbst von weither, wie ein schönes Traumgesicht, gestochen scharf steht es vor einem strahlend blauen Himmel, den die Sonne mit ihrem Gold erheitert. Kuppeln, Denkmäler, das alte Kastell ragen über die Menge der Häuser hinaus wie weit vorgerückte Boten dieses entzückenden Fleckens, dieses gesegneten Landstrichs.

*  *  *

Abermals seh ich dich wieder,
du Stadt meiner schrecklich verlorenen Kindheit...
Heitere, traurige Stadt, abermals träume ich hier...
Ich? Aber bin ich derselbe, der hier gelebt hat, der hierher zurückkam,
von neuem zurückkam und wieder von neuem?
Oder sind wir sämtliche Ichs, die hier waren,
eine Anzahl von Perlen, verbunden durch einen Gedächtnisfaden,
eine Reihe von Träumen eines Außer-Ichs über mich?

Abermals seh ich dich wieder,
mein Herz ist ferner, die Seele weniger mein.
Abermals seh ich dich wieder - Tejo und Lissabon -
ein Reisender, unnütz für dich und für mich,
Ausländer hier wie überall,
im Leben so zufällig wie in der Seele...

*  *  *

Lissabon mit seinen Häusern
in mannigfaltigen Farben,
Lissabon mit seinen Häusern
in mannigfaltigen Farben,
Lissabon mit seinen Häusern
in mannigfaltigen Farben...
Kraft seiner Verschiedenheit wirkt das monoton.
So wie ich vor lauter Gefühlsanpassung nur denke.

Wenn ich mir nachts im Bette liegend, doch wach -
in der nutzlosen Hellsichtigkeit der Nicht-einschlafen-könnens -
etwas vorstellen will
und stets etwas anderes aufscheint (denn da ist Schläfrigkeit,
und da Schläfrigkeit da ist, auch ein Stück Traum)
will ich mir meinen Ausblick
durch große fantastische Palmenalleen verlängern,
aber ich sehe nicht mehr,
im Inneren meiner Lider,
als Lissabon mit seinen Häusern
in mannigfaltigen Farben.

Ich lächle, denn hier im Liegen ist es ganz anders.
Weil es so monoton ist, ist es verschieden,
und weil ich ich bin, schlaf und vergesse ich, daß ich vorhanden bin.

Übrig bleibt ohne mich, der vergaß, weil er schläft,
Lissabon mit seinen Häusern
in mannigfaltigen Farben.

Der Tejo

Der Tejo im Hintergrund ist ein blauer See, und die Berge auf dem anderen Flußufer sind die einer abgeplatteten Schweiz. Ein kleines Schiff fährt aus - ein schwarzer Frachtdampfer - aus Richtung Poço do Bispo zur Hafenausfahrt, die ich nicht sehen kann. Mögen mir die Götter alle bis zu der Stunde, in der mein Anblick meiner selbst zu Ende geht, die klare, sonnenhafte Auffassung der äußeren Wirklichkeit bewahren, den Instinkt für meine Unwichtigkeit und das Behagen, klein zu sein und ans Glücklichsein denken zu können.

*  *  *

Aber ich liebe den Tejo, weil eine große Stadt an seinem Ufer liegt. Ich genieße den Himmel, weil ich ihn von dem vierten Stockwerk einer Straße der Unterstadt aus sehe. Nichts können mir Landleben oder Natur geben, das die unregelmäßige Majestät der stillen Stadt unter dem Mondlicht aufwöge, wenn man sie von der Graça oder von São Pedro de Alcântara aus betrachtet. Es gibt für mich keine Blumen, die dem im Sonnenlicht unerhört abwechslungsreichen Farbenspiel von Lissabon gleichkämen.

*  *  *

O sanfter, uralter, stummer Tejo! Kleine Wahrheit, worin sich der Himmel bricht!

Die Baixa

Erwachen von Lissabon, später als anderswo,
Erwachen der Rua do Ouro,
Erwachen des Rossio, an den Türen der Cafés,
Erwachen
und in der Mitte der Bahnhof, der niemals schläft,
wie ein Herz, das im Schlaf und im Wachen pulsieren muß.

*  *  *

Im leichten Nebel des Vorfrühlingsmorgens erwacht schlaftrunken die Baixa, die Unterstadt, und die Sonne geht auf, als ob sie langsam wäre. Es liegt eine beruhigte Freude in der Luft, dazu halbe Kühle, und das Leben erbebt beim leichten Luftzug der nicht vorhandenen Brise vor einer Kälte, die schon vorüber ist; es erbebt eher in der Erinnerung an die Kälte als wegen der Kälte selbst, mehr beim Vergleich mit dem nahen Sommer als im Vergleich zum Wetter von heute. Die Läden sind noch nicht geöffnet außer Milchgeschäften und Cafés, aber die Ruhe stammt nicht wie an Sonntagen von einer Erstarrung, sie stammt nur von der Ruhe her. Eine hellbraune Spur greift sich selbst in der aufklarenden Luft vor, und die Bläue erblaßt durch den feiner werdenden Nebel hindurch. Ein Anflug von Verkehr macht sich auf den Straßen bemerkbar, einzelne Fußgänger heben sich ab, und an den wenigen geöffneten hohen Fenstern zeigen sich gleichfalls morgendliche Erscheinungen. Die Straßenbahnen hinterlassen in der Nebelluft ihre bewegliche, gelbe, mit Zahlen versehene Spur. Und von Minute zu Minute verlieren die Straßen fühlbar ihre Verlassenheit.

*  *  *

An den langen Sommerabenden liebe ich die Stille der Unterstadt, und ich liebe sie dort um so mehr, wo sie im allergrößten Gegensatz zum lärmenden Tagesgewühl steht. Die Rua do Arsenal, die Rua da Alfândega, die Verlängerung der traurigen Straßen, die sich ostwärts des Zollgebäudes erstrecken, die unterbrochene Linie der ruhigen Kais - all das stärkt mich in Traurigkeit, wenn ich mich an solchen Abenden in ihre Einsamkeit eingliedere.

*  *  *

Die Einzelheiten der stillen Straße, auf der viele Leute hin und her gehen, prägen sich mir ein, während ich im Geiste ganz woanders bin: Die auf dem Fuhrwerk gestapelten Kisten, die Säcke an der Tür des benachbarten Lagerhauses und im entferntesten Schaufenster des Lebensmittelgeschäftes an der Ecke die schimmernden Flaschen jenes Portweins, von dem ich träume, daß ihn sich niemand leisten kann.

Chiado

Sooft sie nur können, setzen sie sich vor den Spiegel. Sie reden mit uns und machen sich mit ihren Blicken selbst den Hof. Manchmal kommen sie, wie das bei Liebschaften vorkommt, vor lauter Zerstreutheit vom Gespräch ab. Ich war ihnen stets sympathisch, weil meine ausgewachsene Abneigung gegen meinen Anblick mich immer gezwungen hat, dem Spiegel den Rücken zuzukehren. So war ich - und instinktiv erkannten sie das an, indem sie mich immer gut behandelten  - der geborene Zuhörer, der ihrer Eitelkeit und ihrem Rededrang immer freien Lauf ließ.

*  *  *

Die Glocke meines Dorfes ist die Glocke der Igreja dos Mártires hier am Chiado. Das Dorf, in dem ich auf die Welt kam, war der Largo de São Carlos, heute Direktoriumsplatz, und das Haus, in dem ich auf die Welt kam, war dasjenige, in dem sich später (im zweiten Stock, ich bin im vierten geboren) das Republikanische Direktorium einrichten sollte. (Anmerkung: Das Haus war zur Berühmtheit verurteilt, aber hoffentlich erbringt der 4. Stock ein besseres Resultat als der 2.)

Impressionen

Ich liebe diese einsamen Plätze, die sich zwischen Straßen mit geringem Verkehr schieben und selbst noch verkehrsärmer als diese Straßen sind. Es sind nutzlose Lichtungen, Dinge im Zustand der Erwartungen, zwischen fernen Tumulten. Sie sind Dorf in der Stadt.

*  *  *

Wenn ich ein anderer wäre... Ich würde mich mit Freunden verabreden und die Straßenbahn nach Benfica nehmen. Wir würden bei Freunden in Gemüsegärten zu Abend essen. Unsere Freude würde ein Teil der Landschaft sein und von allen, die uns zu Gesicht bekämen, als der Örtlichkeit angemessen gebilligt werden.

*  *  *

In jedem Haus, an dem ich vorbeifahre, in jeder Villa, in jedem mit stillem Weiß gekalkten Häuschen fühle ich mich für Augenblicke leben, zuerst glücklich, dann gelangweilt, später ermüdet; und ich fühle, daß ich, wenn ich es verlassen habe, eine mächtige Sehnsucht nach der Zeit, in der ich dort gewohnt habe, mit mir trage.

 

Die Zitate sind folgenden Werken entnommen: Buch der Unruhe, Lisbon revisited (1926), Lissabon mit seinen Häusern, Erwachen von Lissabon, Mein Lissabon, Brief an João Gaspar Simões vom 11.12.1931

 

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