Antinous und Ephitalamium

   Fernando Pessoa war ein Mensch, für den die Liebe ein delikates Thema war. Vor allem der geschlechtliche Aspekt der Liebe machte ihn befangen und verlegen. Er hatte großen Respekt vor der Intimität anderer und verlangte umgekehrt ebenso, daß sein Privatleben von Freunden und Bekannten unangetastet blieb. In seiner Beziehung zu Ophélia war er feinfühlend, sanft und zärtlich. Im krassen Gegensatz dazu erscheinen uns zwei Gedichte, in denen er das Thema Liebe offen und derb behandelt. Beide Gedichte wurden in englischer Sprache verfaßt. Fernando Pessoa schrieb über sie:

    »Antinous und Ephitalamium sind die einzigen Gedichte (oder Kompositionen) von mir, die klar und deutlich das sind, was man obszön nennt. In jedem von uns ist, so wenig man sich instinktiv auf die Obszönität spezialisiert, ein gewisses Element dieser Art vorhanden, dessen Quantität naturgemäß von Mensch zu Mensch variiert. Da diese Elemente, so klein auch der Grad sei, in welchem sie vorhanden sind, ein gewisses Hindernis für einige höhere geistige Prozesse darstellen, habe ich zweimal beschlossen, sie durch den einfachen Vorgang des intensiven Ausdrucks auszuschalten. Darauf basiert die [...] vielleicht unerwartete Heftigkeit der Obszönität, die in jenen Gedichten - vor allem in Ephitalamium, das direkt und tierisch ist - zutage tritt.«

    Die beiden Gedichte sind das Ergebnis eines ursprünglich fünfteilig geplanten englischsprachigen Zyklus, mit dem Pessoa das Phänomen Liebe durch die großen Kulturepochen hindurch verfolgen wollte. Dabei gehört Antinous zur Kultur Griechenlands und Ephitalamium zur Kultur Roms. Die anderen Gedichte dieses Zyklus, Gebet an einen Frauenleib (Christentum), Pan-Eros (Modernes Reich) sowie Anteros (Fünftes Reich), sind entweder niemals entstanden oder wurden vernichtet.

   Antinous ist neben der Meeres-Ode das einzige Werk erzählender Lyrik Pessoas. Antinous, der Geliebte von Kaiser Hadrian, kam in Ägypten, während einer der zahlreichen Reisen Hadrians, ums Leben. Es ist bis heute nicht geklärt, ob sich der schöne Jüngling opferte und in den Nil stürzte, damit seine Lebensjahre denen des Kaisers zugerechnet würden, oder ob es ein Unfall war. Hadrian erhob Antinous zum Gott, und in der Nähe seiner Todesstätte wurde die Stadt Antinoopolis gegründet. Es entstand ein sich rasch ausbreitender Kult. Im 19. Jahrhundert trat die Figur des Antinous in der Literatur als Symbol für neuheidnische Sinnenfreude und Verherrlichung der Homosexualität auf. Pessoa folgt dieser Tradition. In seinem Gedicht erzählt er vom Leid und der Trauer Hadrians, von der Erhebung Antinous' zum Gott, aber auch von der Lust und den Genüssen, die beide miteinander empfanden.

    Ephitalamium ist im Vergleich zu Antinous realistischer und orientiert sich am Naturalismus. Sehr detailliert und mit einer starken Animalität schildert das Gedicht die erotischen Phantasien einer Braut, ihre Erlebnisse in der Hochzeitsnacht und die Reaktionen, die die bevorstehende Hochzeit beim Bräutigam und den Gästen auslöst. Nach Aussage von Pessoas Kritikern ist dieses Gedicht völlig mißlungen, und es stellt sich die Frage nach dem Sinn einer solch naturalistischen obszönen Darstellung. Einerseits ist es möglich, daß Ephitalamium durch seine übertrieben gesteigerte Animalität eigentlich eine Ablehnung des Geschlechtstriebs verkörpert, andererseits spricht Pessoa diesem Werk, wie auch Antinous, eine kathartische Funktion zu (vgl. Zitat am Anfang).

 

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