Der Dichter

Mit hörbarem Seufzen zieht Senhor José den Bauch ein, während Senhora Rosalia mit flinken Nadelstichen den abgeplatzten Knopf an seinem weißen leicht schmuddeligen Hemd annäht. Ich setze mich an meinen Stammplatz hinten in der Ecke neben der riesigen Standuhr und schaue den beiden mit schräg geneigtem Kopf zu. Senhor José lächelt mich erfreut an und zuckt hilflos mit den Schultern, während er seine Augen gen Himmel verdreht. "So", sagt Senhora Rosalia zufrieden, während sie eine dicke graue Strähne aus der runzligen Stirn streicht, "ich habe den Knopf ein Stückchen versetzt, jetzt müßte er halten." Sie lächelt, und ich sehe, daß sie nur noch zwei wacklige Zähne im Mund hat, gelblich wie Elfenbein. Senhora Rosalia bückt sich nach ihrem Strohbesen und kehrt mit gleichmäßigen langsamen Bewegungen die Zigarettenstummel der vergangenen Nacht zu einem grauen Häufchen zusammen, bevor sie mit einem grunzenden até amanhã durch die Hintertür davontrippelt.

"Schön, daß Sie wieder da sind, Senhor Joaquim." Senhor José zieht sich einen Stuhl an meinen Tisch heran. Er hat in den letzten Wochen zugenommen, denke ich unwillkürlich. Auf einem massigen Körper mit unglaublich dicken Armen sitzt nahezu halslos ein wuchtiger Kopf mit einem breiten gutmütigen Gesicht, das meistens hochrot gefärbt ist und immer von einem unerschütterlichen Lächeln überstrahlt wird. Seine schwarzen lockigen Haare, die sein Gesicht wie eine Mütze umschließen und auch nach einem langen Arbeitstag noch nach Sandelholz und Pinien riechen, sind an den Schläfen schon stark ergraut, obwohl ich ihn auf höchstens Vierzig schätze.

"Ich fürchtete schon, Sie kämen nicht mehr." Er schnauft und zieht ein blütenweißes ordentlich gefaltetes Taschentuch aus seiner Hosentasche.

"Ich war krank."

"Oh, das tut mir leid, Senhor Joaquim." Geräuschvoll schneuzt er sich die Nase und legt das Taschentuch säuberlich und akkurat wieder zusammen. Diese Tätigkeit beansprucht für eine Weile seine ganze Aufmerksamkeit, und ich beobachte ihn interessiert. Eigentlich heiße ich Achim, aber Senhor José hat mich in einen Senhor Joaquim verwandelt, weil er meinen Namen nicht aussprechen kann.

"Geht es Ihnen wieder besser?", erkundigt er sich teilnahmsvoll.

"Danke." Ich hole ein Päckchen Português Suave aus meiner Jackentasche und biete ihm eine an. Er greift dankbar zu. Wir rauchen schweigend. Es ist noch früh an diesem Samstag, der sich grau und neblig durch die Straßen schleppt. Senhor José steht auf und brüht zwei starke bicas auf. Der Zucker rieselt wie feiner Schneestaub in die weißen Täßchen mit dem häßlichen schon halb abgeschabten Goldrand.

Ich bestelle einen doppelten Macieira. Fruchtsaft hat ER ihn in seiner selbstverachtenden Ironie genannt. Goldgelb wie Honig schimmert er in seinem bauchigen dünnen Gläschen. "Strömender Regen, wachsende Traurigkeit, da hilft nur Branntwein, um die Wunden zu waschen", ich proste Senhor José zu.

Er lächelt und nippt an seinem Mokka. "À sua saúde."

"Mein bester Freund ist an Krebs gestorben", sage ich unvermittelt.

Sein Grinsen erstarrt zur tönernen Maske. "Oh. Das tut mir leid, Senhor Joaquim."

"Morgen", kommt es hohl aus meinem Mund, "werden wir es sein, die nicht mehr durch diese Straßen gehen, die nicht mehr in diesem Café sitzen und rauchen, morgen, irgendwann…" Hinter der Theke tropft der Wasserhahn, und das monotone dumpfe Plopp dröhnt schmerzhaft in meinen Ohren. Sonst ist nur das Saugen unserer trockenen Lippen zu hören und das leise Pfeifen, mit dem sie den Rauch wieder ausstoßen.

Senhor José räuspert sich. "Viele glauben, der Tod ist wie ein Schlaf, aus dem man einfach nicht mehr aufwacht. Ich finde, das ist eine sehr angenehme Vorstellung. Man legt sich hin, schläft ein, und das war's. Vorbei. Ende. Aus. Und man merkt es nicht einmal, weil man denkt, daß man schläft."

"Wenn Sie tot sind, denken Sie nicht", wende ich ein, "und wenn Sie schlafen, sind Sie lebendig, was Sie im Tod nicht sind, so daß Sie nicht sagen können, daß der Tod wie ein Schlaf ist."

Senhor José runzelt die Stirn. "Die meisten Leute denken auch nicht, solange sie leben", sagt er dann trocken. "Und manche sind nicht lebendig, obwohl sie leben. Ihr Leben ist wie ein Schlaf oder schon wie der Tod."

"So viel habe ich gelebt, ohne gelebt zu haben. So viel habe ich gedacht, ohne gedacht zu haben." Waren das nicht SEINE Worte? Ich nehme einen kräftigen Schluck und spüre einen warmen wohligen Schauer durch meinen Körper rieseln. "Vielleicht haben wir ja Glück", sage ich dann, um vom Thema abzulenken, das mich noch tiefer in meine lähmende Traurigkeit reißt und einen unerträglichen Ekel in mir aufbrodeln läßt. Ich zeige durch das Fenster hinaus in den lichtlosen Morgen und kann mir ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen, "vielleicht kommt er heute."

Senhor José schaut mich verdutzt an. "Wen meinen Sie?"

"Na, Euren Erlöser, Euren Messias. Dom Sebastião, der Ersehnte. Ein in der Schlacht gefallener Engel, dessen Leichnam auf so wundersame Weise niemals aufgetaucht ist." Meine Stimme nimmt unwillkürlich einen pathetischen Klang an. "An einem nebligen Morgen wird er auf seinem Schimmel von einer fernen Insel geritten kommen und ein neues Reich errichten. Wäre heute nicht ein guter Zeitpunkt? Ein verdammt guter Zeitpunkt sogar? Seit Wochen ist es neblig und trüb wie schon lange nicht mehr. Ich hasse es, wenn der Nachmittag zum Abend wird, wenn das Licht stirbt, bevor es geboren wird, ich hasse diese toten bleiernen Tage, die träge in den Knochen hängen. Jetzt warten wir schon über vierhundert Jahre, warten, warten und warten, und nichts passiert."

Senhor José nimmt einen tiefen Zug. "Märchen. Legenden. Weiter nichts. Völlig bedeutungslos. Wer glaubt schon an Märchen!" Geistesabwesend sieht er zu, wie sich die bläulichen Schwaden langsam auflösen.

"Man sagt, wenn es Nebel hat, gehen die Geschäfte besser, nicht wahr?"

Er seufzt. "Schön wär’s. In letzter Zeit war es manchmal recht einsam und ruhig hier. Die Leute mögen lieber die schicken eleganten Cafés mit Tradition, wie man so schön sagt."

"Kenner finden den Weg hierher." Ich drücke die Zigarette im Aschenbecher aus und zünde die nächste an.

Das Café befindet sich in einer dunklen Seitengasse im Bairro Alto, in einem sehr hohen schmalen Haus, das sich nach vorne duckt, als sei es müde geworden. Im Laufe der Zeit hat sich die einst frische hellrosa Farbe, mit der die Außenwand getüncht ist, in ein schmutziges Beige verwandelt, das dem Gebäude ein trauriges triefiges Aussehen verleiht. Doch hinter der tannengrünen Kassettentür aus billigem Holz, die durch die Fußtritte nächtlicher Randalierer an mehreren Stellen gesplittert ist, habe ich meinen Platz gefunden. Hier herrscht ein stiller Friede, der nahezu heilig anmutet, nichts ist mehr zu hören vom Lärm des Chiado, nichts zu spüren vom großäugigen Staunen der Touristen, die sich durch die eleganten Geschäfte drängen und dann drüben, in altmodischer Jugendstil-Atmosphäre, pflichteifrig eine bica schlürfen. Damals saß ER dort, im Brasileira, oder im Martinho unten in der Baixa, doch heute ist alles dahin, heute bevölkern die Souvenirjäger die Tische, mit Fotoapparaten bewaffnet, und nach Dichtern und Denkern sucht man vergeblich, geblieben ist nur die Sehnsucht und ein Kachelbild an der Wand unter den Arkaden.

Die Zigarette in meiner Hand verglüht langsam. Die Tür öffnet sich mit einem leisen Seufzen, ein Schwall nasser kalter Luft, vermischt mit dem Geruch von Seetang, frisch gebackenem Brot und Knoblauch, wirbelt herein, gefolgt von einem dünnen buckligen Männchen, das schwerfällig das rechte Bein hinter sich her zieht und sich auf einen krummen Stock stützt. Von seiner wollenen schwarzen Mütze, unter der ein Paar traurige Augen mit unglaublich buschigen Brauen hervorlugen, tropft Wasser. Keuchend läßt er sich am Nebentisch nieder, zieht seine graukarierte fadenscheinige Jacke aus und klopft fordernd mit dem Stock auf den Boden.

Senhor José erhebt sich ächzend. "Ich komme sofort wieder, Senhor Joaquim. Gehen Sie nicht weg. Ich habe noch etwas für Sie."

Erstaunt, mit einer gewissen gespannten Neugier, beobachte ich Senhor José, der die Bestellung des Alten aufnimmt, ein cafézinho, zwei pastéis de bacalhau, und sich pfeifend hinter der Theke zu schaffen macht. Natürlich gehe ich nicht weg, wo sollte ich auch hin, heute ist Samstag, und Senhor José weiß doch, daß ich das Café nie vor sechs Uhr abends verlasse. Mein Blick wandert träge durch den Raum mit der schweren dunklen halbhohen Lamperie, an die sich bis zur Decke schmale Spiegel, teils erblindet, teils abgeblättert, anschließen, verharrt einen Moment an den scheußlichen schweren Messingleuchtern mit ihren unechten Goldkerzen, die Tag und Nacht ein fahles gelbes Licht verbreiten, streift die viereckigen kleinen Tische aus grauschwarzem Marmor mit ihren wackligen Stühlen, die nach mehrstündigem Sitzen stechende Rückenschmerzen verursachen, und bleibt an dem klapprigen Zeitungsständer hängen, der mit den roten, blauen und grünen Überschriften der A Bolas, Correios de Manhã und O Expressos den einzigen Farbtupfer bildet.

Senhor José stellt den Mokka und die Stockfischklößchen vor den Alten hin und setzt sich wieder zu mir.

"Vielleicht ist heute Ihr Glückstag", krächzt das Männchen mit Rabenstimme und deutet mit langem dürrem Zeigefinger auf mich. "Wünscht der Herr ein Los zu kaufen?"

"Nein", antworte ich unwirsch, "der Herr wünscht nicht."

"Glaubt der Herr etwa nicht an Wunder?" Das Männchen beißt mit sichtlichem Appetit in seine Klößchen und beginnt genüßlich zu kauen. "Wie können Sie ein solches Angebot ausschlagen? Ich biete Ihnen das Glück zum Kauf an, und Sie lehnen ab."

"Seit wann ist Glück zu verkaufen und zu kaufen!" antworte ich ironisch. "Entweder Sie sind unter einem Glücksstern geboren, dann ist es gut, oder aber Sie sind ein Pechvogel, dann ist es schlecht, aber wie dem auch sei, finden Sie sich damit ab, das Schicksal läßt sich nicht ins Handwerk pfuschen."

"Oh, der Herr scheint heute pessimistisch gestimmt zu sein." Die Worte des Alten werden von einem lauten Schmatzen begleitet. "Schauen Sie, Sie müssen einfach ein Los nehmen, es steht in Ihren Sternen, es wird ein Wunder geschehen, nächste Woche sind Sie ein reicher Mann und können tun und lassen, was Sie begehren. Ich habe eine ganz besondere Nummer für Sie reserviert. Es ist die 1361888. Wie wäre es damit?"

Ich schaue den Losverkäufer seltsam berührt an. Es ist SEIN Geburtsdatum. Ich frage den Alten nicht, wieso er gerade diese Nummer für mich ausgesucht hat, es erscheint mir logisch, es muß so sein. "Also gut." Ich zähle ihm die Escudos auf den Tisch, und er streicht sie mit einem freudigen Lächeln eilig ein. Nachdenklich schiebe ich das Billett mit der magischen Zahl, auf dem mir das gnadenvolle Puppengesicht einer Madonna salbungsvoll entgegenlächelt, in meine Geldbörse. Der Losverkäufer wischt sich die dürren Lippen mit der Serviette ab, schlüpft umständlich in seine noch immer feuchte Jacke, grüßt freundlich und humpelt schlurfend zur Tür hinaus.

"Armer Kerl, er tut mir leid", sagt Senhor José mitfühlend, "früher ist er Sergeant gewesen, ein feiner Bursche mit einer schmucken Uniform. Dann hatte er einen Stoffladen in der Baixa, jahrelang hat er sich krumm geschuftet, hat bankrott gemacht, und jetzt hat er auch noch ein bösartiges Hüftleiden, ja, so geht es einem, man plagt sich ab, und was hat man davon, nichts, rein gar nichts, es geht vorüber, wir gehen vorüber, wir werden vergessen, und pünktlich kommt die Sonne alle Tage. Aber was kann man machen …" Er zuckt mit den Schultern. "Ich habe Ihnen doch versprochen, daß ich etwas für Sie habe." Mit wichtiger Miene holt er eine alte abgenutzte braune Ledermappe hinter der Theke hervor.

"Senhor José, sagen Sie bloß, Sie haben mein Manuskript gefunden!" Meine Stimme überschlägt sich vor Aufregung.

"Sie haben es liegen lassen, damals, als Sie so schnell aufgebrochen sind, Sie wurden angerufen, Sie haben wohl von Ihrem Freund erfahren, Sie wissen schon, und ich habe es gefunden und für Sie aufgehoben." Sein Gesicht glüht vor Stolz.

"Mein Gott." Ich finde kaum Worte. Tränen schießen mir in die Augen. "Können Sie sich vorstellen, was das für mich bedeutet? Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Die monatelange harte Arbeit umsonst, dahin im Augenblick. Wissen Sie, ich kann es nicht ausstehen, an einer Maschine arbeiten zu müssen. Sie bestimmt mein ganzes Leben, meinen ganzen Tag. Der Abend gehört mir. Deshalb schreibe ich mit der Hand…" Ich lasse mich auf den Stuhl fallen und schaue Senhor José glückselig an. "Vielen Dank."

"Ich wußte gar nicht, daß Sie ein Schriftsteller sind, Senhor Joaquim."

"Nun ja", ich verziehe säuerlich die Miene, "ich habe noch nichts veröffentlicht. Kein Verlag nimmt mich. Nur Absagen, nichts als Absagen."

"Oh. Das tut mir leid, Senhor Joaquim." Senhor José legt bekümmert die Stirn in Falten.

Ich winke ab. "Ich schreibe in meiner Freizeit. Eigentlich bin ich Übersetzer." Ich hole tief Luft. "Übersetzer von Beipackzetteln, klinischen Studien, Patientenberichten. Ich habe tagein, tagaus mit Krankheiten zu tun, es scheint mir, die ganze Welt ist krank. Sie leidet. Schenken Sie uns einen Macieira ein, Senhor José, einen doppelten, gut gefüllt. Ich lade Sie ein."

Senhor José wehrt dankend ab. "Bei der Arbeit darf ich nicht."

"Wer sollte Sie wohl sehen?", frage ich leicht amüsiert zurück. "Es ist kein Mensch da außer Ihnen und mir, jetzt, zur Stunde der morning-drinkers. Es macht es erträglicher, finden Sie nicht?" Warm und sanft rinnt der Cognac meine Kehle hinunter. "Der Rausch", zitiere ich IHN, "verursacht dann und wann eine bemerkenswerte Luzidität."

"Da haben Sie gar nicht so unrecht." Senhor José nickt beifällig, aber ich bin nicht sicher, daß er mich verstanden hat. "Wenn Sie hier bei mir im Café sind, abends und samstags," fährt er dann unvermittelt fort, "schreiben Sie an Ihrem Buch, habe ich recht?"

Ich nicke lächelnd, und er sieht mich bewundernd an. Sein Blick tut gut. Senhor José mustert anerkennend meinen dunklen schwarzen Anzug, mein weißes Hemd mit der schwarz glänzenden Krawatte, meinen grauen Trenchcoat, den ich über die Rückenlehne gelegt habe, meinen altmodischen schwarzen weichen Hut, der mich älter und gesetzter wirken läßt, als ich eigentlich bin, und das dünne Drahtgestell, das auf meiner spitzen langen Nase sitzt. "Schriftsteller müssen wohl so aussehen", meint er dann treuherzig, und ich muß unwillkürlich schmunzeln. ER trug immer diese Kleidung, wenn er schrieb. Ich bewundere IHN glühend. ER ist mein großes Vorbild, und es schmerzt mich, daß ich niemals die Größe erreichen werde, die die seine war. Ich habe sein Werk mit Augen, Herz und Seele verschlungen und verinnerlicht. ER hat die Krankheit unserer Welt so klar wie kein anderer erkannt.

"Worüber schreiben Sie, wenn ich fragen darf?"

"Ich schreibe einen Traum."

"Einen Traum? Wie kann man einen Traum schreiben?" Senhor José kratzt sich am Kinn.

"Stellen Sie sich einmal vor, das ganze Leben wäre nur ein Traum. Wir alle, Sie, der Losverkäufer, ich, selbst dieses Café hier, ja, ganz Lissabon, Portugal, die Welt, wären nur die Phantasien eines Wesens aus einer Sphäre, die jenseits unserer realen Vorstellung existiert."

"Das verstehe ich nicht." Senhor José sieht mich an, als sei ich nicht bei Verstand. "Natürlich existieren wir. Da!" Er kneift mich fest in den Arm. "Haben Sie das nun gemerkt oder nicht? Ich weiß, daß ich existiere. Ich bin der José de Sousa aus Porto. Und Sie sind der Senhor Joaquim aus Alemanha. Ja, ich bin aus Porto, wußten Sie das eigentlich?", fährt er stolz fort, "ein waschechter tripeiro, keiner von diesen alfacinhas. Ich wohne mit meiner Frau Teresa und meinen Söhnen Pedro und Nuno in Olivais, das ist echt, das ist real." Er verstummt und sieht mich triumphierend an.

"Aber Sie selbst träumen doch sicher auch, oder nicht?", wende ich ein.

"Doch, natürlich. Ich träume davon, mit meiner Familie ein eigenes Haus zu haben. Am liebsten würde ich von der Stadt wegziehen, hinaus aufs Land, nach Moita zum Beispiel." Sein Gesicht nimmt einen schwärmerischen Ausdruck an. "Dann richte ich eine Werkstatt ein, schnitze Figürchen aus Kork und verkaufe sie an die Touristen."

Auf mein Handzeichen hin schenkt Senhor José mein Glas wieder voll. "Aber was soll das alles, Senhor Joaquim", spricht er weiter, "träumen kann ich, jawohl, aber dadurch ändert sich nichts an meinem Leben, und selbst wenn mein Traum wahr wird, dann ist er vielleicht gar nicht gut, dann ist vielleicht nichts besser, nur anders, aber nicht besser, und was habe ich dann davon?"

"Sie haben recht, vollkommen recht, Sie sind ein kluger Mann." Allmählich läßt die Unruhe nach, die mich in meinem tiefsten Innern so oft quält. "Träume sollten Träume bleiben. Aber wir brauchen sie, um zu existieren. Ich brauche sie, um dem elenden Leben mit seiner täglichen Monotonie zu entkommen. Deshalb muß ich schreiben. Schreiben ist meine Art zu vergessen, ja zu ignorieren, daß ich existiere." Ich hebe wortlos mein Glas, das schon wieder leer ist. Senhor José füllt es unaufgefordert nach.

"Soll ich Ihnen ein Sandwich machen, vielleicht mit Thunfisch?", fragt er, und seine besorgte väterliche Miene, in der ich leises Mitleid zu erkennen glaube, macht mich wütend. "Ich habe sehr guten Thunfisch da, in Öl eingelegt."

"Lassen Sie mich mit Ihrem dummen Fisch zufrieden", knurre ich ihn an. Senhor José steht wortlos auf und beginnt geschäftig, die Theke mit einem feuchten Lappen abzureiben. Sehnsüchtig, mit verschwommenen Augen, blickt er durch die schmalen trüben Fenster, auf denen sich in den Ecken das Schwitzwasser sammelt.

"Es tut mir leid", sage ich nach einer Weile, und ich meine es ehrlich. "Ich denke, ich könnte doch ein Sandwich vertragen."

Senhor José antwortet nicht und sieht mich nicht an. Bedächtig schneidet er eines der weichen Brötchen, die ich nicht ausstehen kann, in zwei Hälften, gibt reichlich Thunfisch darauf, garniert es mit ein paar Tomatenscheiben und serviert es mir in einer Serviette. Ich beiße hungrig hinein. Das Öl tropft von meinen Mundwinkeln auf den Tisch. Senhor José setzt sich wieder auf seinen Platz, was soll er auch sonst tun, kein Gast ist in Sicht, und ich weiß, er hat mir verziehen, er kennt mich, er weiß, daß ich es nicht so meine.

"Schmeckt gut", stoße ich zwischen den Zähnen hervor, und in seinen braunen Augen glimmt ein Funke Freude auf. Ich stehe seufzend auf, meine Knie knicken einwärts, und stelle die Flasche mit der goldenen Drei-Sterne-Flüssigkeit, die mich aus meinen Qualen erlöst, mit zittriger Hand auf den Tisch. Schweiß bricht auf meiner Stirn aus. "Manchmal denke ich, ich kann es einfach nicht mehr ertragen, dann kann ich meine enge muffige Mietwohnung in Sete Rios nicht mehr sehen, die Bahn nach Amadora, das stickige Büro mit den ewig gleichen Gesichtern."

Senhor José seufzt. "Ach, Senhor Joaquim, das schäbige Café mit seinen grauen Wänden, die mir manchmal wie die Mauern eines jazigo scheinen, ist auch nicht besser", und während er dies sagt, mit seiner schleppenden Stimme, schwebt ein Kopf an den milchigen Fenstern vorbei, und kurz darauf wird die Tür aufgestoßen, ich sehe den Körper zu dem Kopf, einen langen schmalen Körper, mit zwei Armen und zwei Beinen, die ganz dünn sind, so daß man sie für abgestorbene Äste halten würde, wüßte man es nicht besser. Der Kopf hat auch ein Gesicht, besser gesagt, ein Gesichtchen, aber das ist kaum wahrnehmbar, so ausdruckslos scheint es in seiner farblosen Magerkeit. Der Körper mit dem Kopf rückt den Stuhl am Nebentisch zurück und läßt sich wortlos nieder, und dann sitzt er da, stark nach vorne gebeugt, und seine Hände nesteln ein Tütchen aus der Manteltasche und beginnen, aus billig riechendem Tabak eine Zigarette zu drehen, während er Senhor José und mich aufmerksam beobachtet, als hege er ein ehrliches Interesse für uns und wolle in unser Innerstes eindringen.

"Jeder von uns hat seine Rua dos Douradores", bringe ich mit schwerer Zunge mühsam hervor, "prost!"

"Das kann ich bestätigen." Die Stimme des Körpers am Nebentisch klingt stumpf und zaghaft und so bar aller Hoffnung, als glaubte, nein, als wüßte ihr Besitzer mit Bestimmtheit, daß es keine Hoffnung gibt. Verwundert schaue ich ihn an und betrachte ihn genauer, während Senhor José, sichtlich erfreut über den neuen Gast, nach seinen Wünschen fragt. Sein Anzug, so grau wie sein Gesicht, ist abgewetzt, und sein Gesicht, so grau wie sein Anzug, wird von einem namenlosen Leiden niedergedrückt, das von einer subtilen Intelligenz zeugt. Ich habe das dumpfe Gefühl, ihn zu kennen, aber so sehr ich mein benebeltes Gehirn auch plage, ich weiß nicht, woher, und vielleicht ist es auch nur ein Trugschluß, da er ein Allerweltsgesicht trägt, das jedem gehören kann.

"Sie sind auch ein Träumer und Denker, habe ich recht?", ich lege meinen Kopf auf den Tisch, um mich kurz auszuruhen, er ist so schwer, daß ich ihn nicht mehr tragen kann, ich fühle mich müde, aber ich weiß, schlafen kann ich nicht, der Körper mit dem Kopf und dem Gesicht, das eigentlich keines ist, macht mich unruhig. "Einer von diesen Buchhaltern, oder schlimmer noch, einer von diesen Hilfsbuchhaltern. Wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns." Ich fühle mich schlecht und stöhne ein bißchen.

Senhor José bringt dem Körper ein Tablett mit einem Glas Wasser, einer bica und einem der unvermeidlichen Sandwiches, diesmal nicht mit dem öligen Thunfisch, sondern mit Käse, dickem weißem Käse, völlig zerlöchert. Vor mich stellt er ebenfalls Wasser, einen ganzen Krug voller Wasser, und dann richtet er mich auf, wie ein Vater seinen Sohn, und ich blicke ihn dankbar an, das Wasser tut gut, mein Mund ist schon ganz trocken. Die Flasche mit dem flüssigen Bernstein verschwindet von meinem Tisch.

"Den Spruch kenne ich", sagt der Körper, der mich beobachtet, "er ist von mir."

"Von Ihnen?", entgegne ich erstaunt, "wirklich? Das haben Sie gesagt? Dann sind Sie ein kluger Mann. Und wenn Sie so klug sind, wissen Sie vielleicht auch, wie man der Rua dos Douradores entfliehen kann?"

Senhor José setzt sich mit besorgter Miene neben mich. "Wie kann ich Ihnen helfen, Senhor Joaquim?"

"Gar nicht", sage ich, "gar nicht. Mir kann niemand helfen." Meine Zunge klebt am Gaumen, und ich spüre, mein Nacken ist naß vom Schweiß.

"Nun", setzt der Körper an, "ich habe eine Theorie. Zwar keine Theorie, wie Sie der Rua dos Douradores entfliehen können, denn von ihr gibt es kein Entkommen, sie ist Ihre Existenz, sie ist der Sinn aller Dinge, Anfang und Ende, und wenn es sie nicht gäbe, wären auch Sie nicht. Aber ich habe eine Theorie, wie Sie glücklicher werden können." Fordernd verharrt er einen Moment, als verlange er meine volle Aufmerksamkeit für das, was er zu sagen hat, als sei er der Überzeugung, er wisse die Lösung für alle Rätsel dieser Welt. "Danken Sie ab!"

"Abdanken? Was meinen Sie damit? Ich bin doch kein König. Gott, wäre ich einer! Wäre ich der König von England!"

"Dann hätten Sie keine Träume mehr, wenn Sie der König von England wären, und Sie wären ein armer Mann." Der Körper lächelt zum ersten Mal, und es sieht aus, als würde ein Tierchen seine Zähne blecken. "Verlangen Sie vom Leben nicht mehr, als es Ihnen zu geben bereit ist."

"Und wenn das Leben mir nichts gibt, dann kann ich nichts verlangen", knurre ich. "Wozu bin ich dann hier, wenn ich nichts verlangen kann, wenn das Leben mir nur Stumpfsinn gibt und sonst nichts?"

Senhor José legt eine Hand auf meinen Arm. "Es geht Ihnen nicht gut, Senhor Joaquim. Soll ich vielleicht einen Arzt rufen oder ein Mittel für Sie aus der Apotheke holen. Ich könnte Ihnen einen Tee kochen."

"Mir geht es ausgezeichnet", wehre ich ab. "Ich danke Ihnen, Senhor José, ich danke Ihnen, aber mir fehlt nichts. Es geht mir gut. Es ging mir noch nie so gut. Ich beginne, klarer zu sehen."

"Seien Sie wie die Katzen, die die Sonne suchen, wenn die Sonne scheint, und suchen Sie nicht die Sonne, wenn es regnet. Danken Sie von Ihrer Persönlichkeit ab, danken Sie von allem ab, denn wenn Sie abdanken, kann Ihnen nichts mehr genommen werden." Der Körper beugt sich noch stärker nach vorn. Ich spüre, er versucht, seinem Stimmchen Nachdruck zu verleihen. "Leben ist Leiden, und wissen Sie warum? Weil es unvollkommen ist. Weil immer etwas fehlt, und sei es die Brise Salz in Ihrer Suppe, denn wenn Sie einmal die Suppe mit Salz genossen haben, werden Sie sie immer mit Salz genießen wollen, doch das Salz ist nicht da."

Ich nicke anerkennend. "Salz ist nie da, bei mir zumindest nicht. Bei mir fehlt immer das Salz. Senhor José, haben Sie Salz da?"

Senhor José legt seine Stirn in Dackelfalten. "Natürlich habe ich Salz da."

"Sie Glücklicher", entgegne ich, "ein Mensch, der Salz hat. Warum beschweren Sie sich eigentlich?"

Senhor José steht kopfschüttelnd auf und räumt die Tassen weg. "Ich beschwere mich doch gar nicht, Senhor Joaquim." Er läßt das Wasser ins Spülbecken laufen und beginnt, das Geschirr abzuwaschen. Ab und zu wirft er mir einen bekümmerten Blick zu, in dem ich eine Spur von Schuldbewußtsein entdecke.

"Da Ihnen immer das Salz fehlen wird, lassen Sie einfach davon ab, Ihre Suppe mit Salz essen zu wollen." Der Körper starrt mich mit seinen blassen Augen an, als wolle er mich durchbohren.

"Schmeckt sie dann nicht ungeheuer fad?", möchte ich wissen. In meinem Kopf dröhnen Hammerschläge. Meine rechte Hand, die leblos auf dem Tisch ruht, tastet suchend nach der Flasche, doch sie ist nicht da, und trübe schwebt mein Blick durch den Raum zu Senhor José hinüber, der so tut, als sehe er es nicht.

"Nicht, wenn Sie die Kunst beherrschen, das Leben in seine Schranken zu verweisen. Machen Sie es wie der Bauer, der Geschichtenleser oder der Asket. Fragment vierhundertneunzehn. Ich habe alles genau aufgeschrieben. Diese drei verkörpern die eigentliche Abdankung. Der Bauer lebt wie ein Tier, also unpersönlich, der Geschichtenleser schöpft aus der Vorstellungskraft und vergißt, daß er existiert, und der Asket schließlich lebt überhaupt nicht, obwohl er nicht tot ist."

"Er schläft", füge ich hinzu, "er lebt nicht, aber er ist auch nicht tot, sein Körper ist in einem Schlummer erstarrt, einer Art von Ruhe, die eigentlich keine Ruhe ist, weil sie nur auf das Ende wartet. Genauso ist es doch, genauso ist es bei Ihnen, bei Senhor José," ich deute zur Bar hinüber, "bei mir. Wir warten auf das Ende in einem Sarg, dessen Deckel wir nur einen Spalt breit öffnen können, und dann dringt süße Luft herein, die einen betäubt und trunken macht, doch so sehr wir uns auch bemühen, den Deckel ganz aufzustemmen, es will uns nicht gelingen, es gibt kein Entkommen, die Öffnung bleibt zu schmal, basta, Sie können die Nase an den Spalt drücken und schnuppern, vielleicht einen Finger hindurchstecken, doch das ist alles. Ha! Lassen Sie uns darauf anstoßen." Meine Zunge leckt über den Rand des leeren Glases. "Senhor José, was ist los mit Ihnen, wollen Sie Ihren treusten Gast nicht bedienen?"

"Denken Sie nicht, daß Sie genug haben, Senhor Joaquim?" Senhor José spricht leise.

"Genug?", antworte ich höhnisch, "genug, natürlich, ich habe schon lange genug, ich bin es überdrüssig, ich habe es satt, es ekelt mich an, es steht mir bis zum Hals, und noch einen Millimeter weiter, dann ertrinke ich." Ich erhebe mich schwankend und taumele hinüber zur Bar. Mit mühsam beherrschten Bewegungen schenke ich mein Glas voll und stolpere zu dem Tisch, an dem der Körper sitzt. Ich kann es mir nicht erklären, aber er erscheint mir durchsichtig, als bestehe er aus Luft, vielleicht existiert er gar nicht, doch als ich mit dem Zeigefinger auf seine Schulter tippe, merke ich, er ist echt, er fühlt sich seltsam weich und doch hart an.

Schwer schleppe ich mich zu meinem Stuhl zurück. Meine Finger, die steif gefroren scheinen, umkrallen das Glas. Der Macieira schießt meine Kehle hinunter. Der Fußboden mit den zerkratzten gelbgrauen Linoleumplatten ist nachgiebig, es ist, als versinke ich darin, und die Tische und Stühle schweben langsam über meinen Kopf davon, hinweg durch den Raum, hinweg durch die Zeit. Das Glas in meiner Hand löst sich auf, glitzernde Steinchen perlen auf meiner Hand, aufgereiht auf einer schmalen roten Schnur, die gelben und grauen Quadrate hüpfen wild durcheinander, seltsame Laute tropfen von meinen Lippen, und ich fühle zwei starke fleischige und zwei schwache dünne Arme an meinem schlaffen Körper und einen nassen Lappen auf der Stirn, und dann schlafe ich wohlig ein.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verstrichen ist, Sekunden, Minuten, Stunden oder Jahre. Es ist still wie immer. Ich fühle mich wohl. Senhor José streut Sägemehl auf dem nassen Boden aus. Der gesichtslose Körper ist verschwunden. Auf seinem Platz sitzt Senhor Rodrigo Moreira, der Besitzer des winzigen Tabakladens schräg gegenüber. Interessiert blättert er in der A Bola. Sporting gegen Benfica, das Ereignis der Woche.

"Geht es Ihnen wieder besser?" Senhor José setzt sich zu mir. Auch Senhor Rodrigo, der mit seinen langen dünnen Armen und Beinen wie eine Vogelscheuche aussieht, läßt sich an meinem Tisch nieder und klopft mir freundschaftlich auf den Rücken.

"Danke." Meine Stimme klingt kratzig. "Ich habe wohl zu viel von Ihrem Macieira erwischt."

"Das kann man wohl sagen." Senhor José lächelt. "Wir haben uns Sorgen gemacht. Sie haben seltsame Selbstgespräche geführt."

"Selbstgespräche? Oh, nein, Sie irren sich. ER war da", wende ich ein, "Nicht ER selbst, sondern einer seiner Schatten, aber im Grunde doch ER."

"Außer uns war niemand da", behauptet Senhor Rodrigo mit stoischer Gleichgültigkeit, die keine Widerrede akzeptiert.

"Ich glaube, Sie sollten sich ein wenig hinlegen und ausruhen, Senhor Joaquim", sagt Senhor José. "Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?"

"Nein", wehre ich eilig ab, "ich möchte noch einige Schritte zu Fuß gehen. Es wird mir guttun." Ich schlüpfe in meinen Mantel.

"Boa tarde, Senhor Joaquim. Bis Montag."

"Bis Montag, Senhor José," ich drücke meinen Hut tief in die Stirn und trete durch die Tür hinaus ins Freie. Die Luft ist reingewaschen und klar, aber noch kleben dicke schwarze Wolken über den Dächern. Langsam lenke ich meine Schritte durch die schmalen Gassen, trete hinaus auf den Praça Luís de Camões, überquere den Largo do Chiado und folge der Rua Garrett. Dort sitzt ER, ruhig, entspannt, ja stoisch, wie er es zu Lebzeiten vielleicht niemals war, und nur wenige Schritte weiter der dichtende Mönch, der Verehrer der Huren, der dem Viertel seinen Namen gab, obwohl er im Vergleich zu IHM nur ein Hauch im Wind ist, völlig unbedeutend. Ich setze mich auf den freien Stuhl neben IHN, meine feuchte Faust umklammert das Billett mit SEINER Nummer in der Hosentasche, und ich fühle mich einen Moment lang froh und merke nicht einmal, daß es wieder langsam zu regnen beginnt.

In honorem Fernando Pessoa

  

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