Pessoa und seine Heteronyme - Um drama em gente

COSTA PINHEIRO "Fernando Pessoa - Heterónimos"
»Ich bin imstande, wie das Universum plural zu sein.«

    »Was Fernando Pessoa schreibt, gehört zwei Kategorien an, die wir orthonym und heteronym nennen können. Man kann nicht sagen, sie seien anonym und pseudonym, denn das sind sie in Wahrheit nicht. Das unter Pseudonym veröffentlichte Werk stammt vom Autor in Person, nur der Name, mit dem er unterschreibt, ist ein anderer; das heteronyme stammt vom Autor außerhalb seiner Person, von einer vollständig von ihm hergestellten Individualität, wie es die Aussprüche irgendeiner Gestalt aus irgendeinem von ihm verfaßten Drama sein würden.
    Die heteronymen Werke Fernando Pessoas sind bis jetzt von drei Leuten verfaßt - Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Diese Individualitäten müssen als von der ihres Autors verschieden betrachtet werden. Jede bildet eine Art von Drama; und sie alle zusammen bilden ein weiteres Drama. [...] Es ist ein Drama in Leuten statt in Akten.«

Auszug aus der bibliographischen Übersicht, die von Pessoa selbst verfaßt wurde

    In einem Brief an den Dichter und Kritiker Adolfo Casais Monteiro, datiert vom 13. Januar 1935, erläutert Fernando Pessoa die Entstehung seiner Heteronyme. Ursprung, so schreibt er, sei seine angeborene Neigung zur Entpersönlichung und Verstellung sowie seine Veranlagung zur Hysterie: »Ich weiß nicht, wer ich bin, welche Seele ich habe«. Beide Phänomene jedoch äußerten sich ausschließlich nach innen und träten im Kontakt zur Außenwelt nicht in Erscheinung. Schon als Kind begann Pessoa, Figuren zu erfinden, wie beispielsweise den Chevalier de Pas, in dessen Namen er Briefe an sich selbst schrieb. Diese Neigung, sich eigene der Realität entsprechende und keineswegs phantastische Welten aufzubauen und sie mit nicht-existenten Freunden und Bekannten zu beleben, sollte zu einem wichtigen Merkmal seines Lebens werden.

    Die Heteronyme Caeiro, Reis und Campos entstanden nicht urplötzlich aus dem Nichts. Bereits vor der Seelenentstehung des Meisters Caeiro kündigten sie sich in groben Zügen in Entwürfen und im Denken des Dichters an. So findet man in einigen Gedichtskizzen Ansätze des späteren Stils von Reis. Außerdem trug sich Pessoa mit dem Gedanken, einen bukolischen Dichter zu erfinden und diesem den Anschein wirklicher Existenz zu geben, um damit seinem Freund Sá-Carneiro einen Streich zu spielen. Er gab dieses Vorhaben jedoch auf, weil es ihm nicht gelingen wollte. Am 8. März 1914, just dem Tag, als er die Entwürfe für den Poeten endgültig ad acta legte, erschien in ihm sein Meister Alberto Caeiro, wie er ihn zu nennen pflegte. Diesen Tag bezeichnet Pessoa als den dia triunfal, den triumphalen Tag seines Lebens. Unter dem Einfluß Caeiros schrieb er in einem Zug die dreißig Gedichte zu Hüter der Herden. Gleich im Anschluß daran griff er zu einem anderen Bogen und verfaßte die sechs Gedichte, die den Schrägen Regen von Fernando Pessoa bilden. Er nannte es die »Rückkehr von Fernando Pessoa Alberto Caeiro zu Fernando Pessoa allein. Oder besser: es war die Reaktion Fernando Pessoas auf seine Nicht-Existenz als Alberto Caeiro«.

    Nach und nach versuchte Pessoa instinktiv, Schüler für den Meister zu finden - so entstanden Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Pessoa erschuf eine »inexistente Sippschaft. Ich bestimmte alles nach den Regeln der Wirklichkeit. Ich stufte die Einflüsse ab, lernte die Freundschaften kennen, vernahm in mir die Diskussionen und abweichenden Auffassungen, und bei alledem kommt es mir so vor, als sei ich selbst, der Urheber von alledem, dabei am wenigsten beteiligt gewesen«.

    In einem Gedicht, das in der Zeitschrift Presença veröffentlicht wurde, beschreibt sich Pessoa selbst im Hinblick auf seine Pluralität:

    Der Poet verstellt sich, täuscht uns so vollkommen und gewagt,
    daß er selbst den Schmerz vortäuscht, der ihn wirklich plagt.

    Die dann seine Verse lesen, spüren, lesen nicht die beiden
    Schmerzen, die in ihm gewesen, sondern Schmerz, den sie nicht leiden.

    Und so fährt auf ihrem Gleise, unterhaltsam dem Verstand,
    eine Spielzeugbahn im Kreise, unser Herz genannt.

 

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