Einführung

    Fernando Pessoa zählt zu den bedeutendsten Dichtern Europas, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat. Über zwanzig Jahre lang hat er, ein unscheinbarer Mann, der ein unauffälliges Leben als Handelskorrespondent führte, die Poetik und das geistige Klima seines Landes entscheidend beeinflußt. Er veröffentlichte Beiträge in wichtigen zeitgenössischen Zeitschriften, gründete zwei eigene Publikationen, führte die Moderne in Portugal ein und schuf selbst drei neue Strömungen in der Dichtung, die als Paulismus, Intersektionismus und Sensationismus in die Geschichte eingegangen sind. Zu Lebzeiten war er mehr als Intellektueller denn als Dichter bekannt. Der größte Teil seines Werkes, das er sorgfältig in einer Truhe aufbewahrte und über 27.000 Manuskripte umfaßt, blieb unveröffentlicht und wurde erst mehrere Jahre nach seinem Tod herausgebracht.

    Wer sich näher mit Pessoa beschäftigt, wird ob seines vielfältigen und komplexen Schaffens erstaunt, ja vielleicht verwirrt sein, ist es doch nicht nur Pessoa selbst, der denkt, dichtet, philosophiert und schreibt. Die Person Pessoa spaltet sich in Dutzende Persönlichkeiten auf, angefangen mit dem Chevalier de Pas, den Pessoa als Begleiter seiner Kindheit erfand und zu dem sich bald weitere hinzugesellten: Alexander Search, Autor englischer Erzählungen und philosophischer Traktate, Charles Search, Übersetzer und Bruder von Alexander, Frederico Reis, Literaturkritiker und Cousin von Ricardo Reis, Charles Robert Anon, der Anonyme, A.A. Crosse, der Rätselmeister, der in der Hoffnung auf einen Gewinn an Scharaden teilnahm, um seine Verlobte heiraten zu können, Abílio Quaresma, Detektiv und Verfasser von Kriminalgeschichten, der rätselhafte Intellektuelle Baron von Teive, die Philosophen Raphael Baldaya und António Mora, der in einer Psychiatrie endete, Bernardo Soares, Hilfsbuchhalter und Verfasser des Buchs der Unruhe, und schließlich selbstverständlich die drei berühmtesten der sogenannten Heteronyme, Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Diese Liste läßt sich beliebig fortsetzen, und von vielen wissen wir nicht mehr als die Namen.

    Manch einer mag dies als Schizophrenie deuten, und vielleicht geht ein solcher Ansatz nicht einmal in die falsche Richtung. Einerseits litt Pessoas Großmutter unter schweren seelischen Zuständen, andererseits bescheinigte sich Pessoa in einer Art Selbstanalyse eine hysterische Neurasthenie, und schließlich sind da noch die Visionen von Astralleibern und sein Röntgenblick, die er in seiner 'mystischen' Phase beschrieb. Vielleicht war Pessoa vom Wahnsinn befallen, doch der Wahnsinn und das Genie liegen nah beieinander, und vielleicht war er auch einfach nur ein Genie, dem eine Person nicht genügte, seine Genialität zu entfalten. 'Pessoa', das portugiesische Wort für 'Person', leitet sich von 'persona' ab, der Maske der römischen Schauspieler, und Pessoa verstand es meisterhaft, sich Masken aufzusetzen, weshalb eine Deutung seines Gesamtwerkes schwierig bleiben und letztendlich vielleicht versagen muß. Wer war der Mann mit Hut, schwarzem Anzug, Fliege und Brille wirklich, der zeitlebens ein bescheidener Angestellter blieb, ein möbliertes Zimmer in der Lissabonner Altstadt bewohnte und sich in den Cafés mit seinen Freunden traf?

     Dichter, Philosoph, Tagebuchschreiber, Literaturkritiker, Selbstanalytiker, Astrologe, Kriminalautor, Esoteriker, Avantgardist, Ästhet - Pessoa läßt sich in keine Schablone pressen. Orthonym löst er sich vom Saudosismus der Renascença Portuguesa durch die Erfindung des Paulismus; verarbeitet als intersektionistischer Avantgardist die Raum- und Zeittheorien seiner Epoche; ist er Esoteriker und Anhänger eines Neosebastianismus, der sich mit einer Gedichtsammlung um einen staatlich ausgeschriebenen Preis bewirbt; beschäftigt er sich mit dem Leiden des Menschen am Sein. Als Campos, der sensationistische Futurist, befindet er sich auf einer quälenden Suche nach Erkenntnis; als Caeiro, der Meister, nimmt er die Haltung des objektiven, aber düsteren Weltbetrachters ein; als Reis, der Monarchist, hängt er einem eigentümlichen Klassizismus an.

    Im folgenden soll versucht werden, einige Aspekte dieses vielfältigen Dichters und Denkers vorzustellen. Der Versuch muß als solcher gewertet werden und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit.

 

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