Álvaro de Campos

   Álvaro de Campos ist der zweite Schüler von Alberto Caeiro. Er wurde am 15. Oktober 1890 in Tavira im Algarve geboren und starb am 30. November 1935 in Lissabon. Als Kind wurde er von einem Onkel aus der Provinz Beira, einem Priester, unterrichtet, der ihn Latein lehrte. Nach seiner Gymnasialausbildung schloß er in Glasgow erfolgreich ein Studium als Schiffsingenieur ab. Anschließend kehrte er nach Lissabon zurück. Dort führte er ein untätiges Leben, ohne seinen Beruf auszuüben. Campos war groß und mager, er ging leicht gebückt, war vom Typ des portugiesischen Juden und hatte eine Hautfarbe, die zwischen weiß und braun lag. Sein schwarzes glattes Haar war seitlich gescheitelt, er trug ein Monokel und war insgesamt eine imposante, makellose und leicht snobistische und dandyhafte Erscheinung.

    Álvaro de Campos ist mit Sicherheit die schillerndste und auch lebendigste Persönlichkeit im Reigen der Heteronyme. Zum einen hatte er Liebesbeziehungen zu zwei Frauen, Daisy und Cecily, die beide in Yorkshire lebten und die er während seines Aufenthalts in England kennengelernt hatte. Außerdem bekannte er in seinen Gedichten seine homoerotischen Neigungen. Zum anderen ging er auf Reisen und trat in der Öffentlichkeit mit Manifesten wie dem Ultimatum auf, das den Verfall unseres Jahrhunderts anprangerte. 1914 unternahm er in seinen Ferien eine lange Schiffsreise in den Orient, während der das Gedicht Opiumhöhle entstand, das später in der Orpheu veröffentlicht wurde und nicht unerheblich zum Skandal beitrug, den diese Zeitschrift auslöste. Als Mann des Südens war er ungestüm, leidenschaftlich und begeisterungsfähig, wußte aber auch, daß ein solcher Charakter unweigerlich Enttäuschungen und Ernüchterungen zur Folge hat. Von metaphysischen Ängsten geplagt, deckte er sein Leid mit einem Mantel bitterer Ironie zu. Zeitlebens war er, der an der Küste das Licht der Welt erblickt hatte, dem Meer verbunden und besang es in seiner berühmt gewordenen Meeres-Ode. Die Ode erzählt von der Geschichte Portugals, eines kleinen Landes, das mutig zu neuen Ufern aufbrach und seine Hoffnungen enttäuscht sah, vernachlässigt dabei jedoch nicht die Schattenseiten der Kolonisation.

    Wie sehr Campos für Pessoa Realität besaß, zeigt sich auch an seiner Rolle, die er in der Beziehung Pessoas zu Ophélia Queiroz spielte. In seinem 1981 in Lissabon erschienenen Buch vertritt Jorge de Senas die Theorie, Pessoa habe Campos als Störfaktor ausgewählt, da er selbst latent homosexuell war. Campos nahm im Verlaufe der Beziehung eine Eigendynamik an, der sein Schöpfer Pessoa kein rechtes Mittel entgegenzusetzen wußte.

     Campos ist der eigentliche Vertreter der Moderne. Dank ihm konnte sich Pessoa an der Avantgarde beteiligen und seine Forderung erfüllen, die moderne Kunst müsse »mit der gesamten Schönheit der Gegenwart vibrieren [...], mit der ganzen Woge von Maschinen, Handel und Industrien [...]«. In Campos' Dichtung sind zwei Schaffensphasen zu erkennen, wobei die erste die Jahre 1914 bis 1917 umfaßt und die zweite von den zwanziger Jahren bis zum Tod Pessoas reicht. Die erste Phase steht unter dem Einfluß der italienischen Futuristen und kennzeichnet die von Pessoa geschaffene Kunstrichtung des Sensationismus, deren Leitsatz es ist, alles auf jegliche Weise zu fühlen. Zu den sensationistischen Werken zählen die frühen großen Oden, zum Beispiel die Triumph-Ode, die Meeres-Ode und der Stundenzug. Anders als bei Caeiro schießen bei Campos Empfindungen und Sinneswahrnehmungen, in eine poetische Form geordnet, nahezu ekstatisch an die Oberfläche. Da Campos völlig wertfrei schreibt, enthalten seine Gedichte auch schockierende bis anstößige Elemente. 

    Die zweite Schaffensphase unterscheidet sich gänzlich von der ersten. Campos scheint den Sensationismus ad acta gelegt und alle seine bisherigen Doktrinen verworfen zu haben. In der zweiten Phase ist seine Dichtung eine Dichtung des existentiellen Scheiterns und spiegelt die Grundstimmung der Zeit nach dem ersten Weltkrieg wider. Themen aus dem Buch der Unruhe, Entfremdung, Verlust des eigenen Ichs, Überdruß und Lebensekel, klingen an. Paradebeispiel für diese zweite Phase ist der Tabakladen, der das Scheitern der Menschheit an sich zum Inhalt hat. 

 

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