Alberto Caeiro

   Alberto Caeiro da Silva ist der Meister von Fernando Pessoa. Er wurde am 16. April 1889 in Lissabon geboren und starb im frühen Alter von 26 Jahren an Tuberkulose. Sein kurzes Leben verbrachte er nahezu gänzlich auf dem Land in einem Dorf im Ribatejo, wohin er sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zurückgezogen hatte. Seine Eltern waren früh gestorben, und so wohnte er auf dem Gut einer alten Großtante. Dort entstand auch praktisch sein gesamtes Werk. Er hatte keinen Beruf und nur Volksschulbildung und lebte von kleinen Einkünften, die nicht näher bekannt geworden sind.

    Pessoa beschreibt ihn als Mann von mittlerer Statur, mit mattblondem Haar und blauen Augen. Er galt als menschenscheu, nachdenklich und zurückhaltend und führte ein Leben ohne großes Aufsehen. Er hatte weder Freunde noch Bekannte noch Liebesbeziehungen. Ricardo Reis sagt über Caeiro:»Caeiros Leben kann man nicht erzählen, denn es gibt darin nichts zu erzählen. Was Leben hat, sind die Gedichte. Im übrigen findet man weder Episoden noch Geschichten.« Über sein privates Leben hat Caeiro nichts verlauten lassen:»Wenn ihr nach meinem Tode meine Biographie schreiben wollt, so ist nichts leichter als das. Sie hat nur zwei Daten - Geburt und Todestag. Alle Tage dazwischen gehören mir.«

    Während von Pessoa ipse nur wenige Aussagen zu Caeiro vorliegen, hat sich Álvaro de Campos ihm weitaus ausführlicher gewidmet. Campos lernte Caeiro zufällig im Hause eines Cousins im Ribatejo kennen. In seinen Aufzeichnungen zur Erinnerung an meinen Meister Alberto Caeiro beschreibt er ihn mit reichen Worten, aus denen die große Sympathie und Bewunderung des einen für den anderen spricht. »Sein ganzes Aussehen [war] sonderbar griechisch, von innen bestimmt, [...] seine Stimme war ebenmäßig und hatte den Tonfall eines Mannes, der nur das sagen will, was er gerade sagt, [...] klar und frei von Hintergedanken, Hemmungen und Schüchternheit. [...] Seine Stirn war [...] von einem machtvollen Weiß. [...] Auf seinem Munde [...] lag ein Lächeln, wie man es in Gedichten den unbelebten Dingen zuschreibt, die nur darum schön sind, weil sie uns gefallen. [...] Mein Meister, mein allzu früh verlorener Meister! Ich sehe ihn wieder in den Schatten, der in mir ist, in der Erinnerung, die ich von dem bewahre, was doch längst abgestorben ist...«

    Als Alberto Caeiro schrieb Pessoa in »reiner und unerwarteter Inspiration, ohne zu wissen oder zu berechnen, daß ich schreiben werde«. Caeiro ist Begründer eines bukolischen Neuheidentums. Campos schrieb: »Mein Meister Caeiro war kein Heide, er war das Heidentum.« Die Poesie Caeiros drückt die Empfindungen aus, die Naturbeobachtungen in ihm hervorrufen, ohne daß er das Geheimnis dahinter suchen oder ein System daraus ableiten möchte. Diese Empfindungen betreffen das, was jeder Mensch im Umgang mit der Außenwelt erlebt: Bäume, Blumen, Bäche, Sonne, Mond und Sterne. Caeiro verzichtet ganz bewußt auf eine Gesamtdeutung der Welt und reduziert sie auf das Muster Mensch und Ding. Denken und Handeln bleiben dabei völlig ausgeklammert. Die Poesie Caeiros ist rein kontemplativ und besteht nur in der Aktion des bloßen Schauens. Diese Akzeptanz der Welt als solche und die daraus resultierende Lebensphilosophie begründen das Meistertum Caeiros für seine Schüler Pessoa, Reis und Campos.

Die Dichtung Caeiros umfaßt in der Hauptsache Der Hüter der Herden und Der verliebte Hirte.

         

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