Antinous

In Hadrians Seele fiel der Regen kalt.

Tot lag der junge Mann
auf niedrigem Lager, nackt bot die Gestalt
sich Hadrians Augen - in des Schreckens Bann -,
und fahles Todeslicht auf ihr verrann.

[...]

O Hadrian, was kommt wohl dieser Kälte gleich?
Was nützt es, Herr sein über Mensch und Macht?
Sein Fortgang bricht in dein sichtbares Reich
ein wie die Nacht,
für die kein neuer Freudenmorgen lacht.
Verwaist ist deine Nacht von Lieb' und Küssen,
dein Tag des Wartens auf die Nacht beraubt,
von keinem Ziel mehr deine Lippen wissen,
sie flüstern nur den Namen, todumlaubt,
und Einsamkeit und Kummer halten Wacht.

[...]

Er war ein Kätzchen, das mit Wollust spielte,
mit Hadrians und seiner eig'nen, bald
vereinzelt, bald verdoppelter Gestalt,
die Lust verzögerte, die auf Erfüllung zielte,
nicht grade, sondern schlängelnd zu ihr drang,
die beinah unverhoffte katzengleich umsprang;
mit sanftem Tasten bald, bald ungehemmt,
bald spielerisch, bald ernsthaft und bald neben
die Lust gelagert, spähend zu erleben,
wie sie sich Bahn bricht, wenn zurückgedämmt.

[...]

Doch dieses Standbild, das ich dir erbaut,
es ist kein Ding aus Stein, es wächst aus Leid,
das bürgt für unsrer Liebe Ewigkeit.
Die eine Seite schau'n die Götter an,
die andre hält uns Sterbliche in Bann.
Mein Schmerz schafft diesen Menschengott und setzt
sein nacktes Bildnis oben auf den Wall,
der auf die Meere künft'ger Zeiten schaut.
Mancher heißt unsre Liebe ein Verbrechen,
manch andrer gegen uns das Messer wetzt
im Haß auf alles Schöne. Überall
wird er verächtlich unsern Namen sprechen
und sich mit Spott an unsern Brüdern rächen.
Doch werden wir gleich wie der ewige Morgen
zur Schönheitsstunde gegenwärtig sein
und aus dem Orient der Liebe Schein
der kargen Welt und neuen Göttern borgen.

 

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