Im Raum wird es so still wie in der Sé zur Sonntagsmesse. Bedächtig legt sich Maria eine schwarze Stola um die schmalen Schultern, holt tief Luft und schaut zu den beiden Musikern hinüber, die unbeweglich in der Ecke sitzen. Ein kurzes Kopfnicken, sie lächelt, und die ersten Gitarrenklänge schwingen sehnsüchtig durch die stickige Luft. Maria wirft einen Blick in die Runde, aus schimmernden schwarzen Augen, der sich im Nirgendwo verliert, holt tief Luft und setzt den ersten Ton an. Ihre volltönende, dunkle, klare Stimme steigt empor wie ein flehender Seufzer, der bis ins Innerste eindringt. Ein Zittern durchläuft ihren Körper, und ihr klagendes Schluchzen, eingetaucht in melancholische Traurigkeit, bricht sich, fällt nach unten und schwingt gleich darauf wieder nach oben, einem neuen Höhepunkt zu. Der Mann am vordersten Tisch stützt die Hände in den Kopf und starrt ins Leere, die Frau daneben zieht verstohlen ein Taschentuch hervor, und das Publikum summt leise mit. Als Maria verstummt, brandet tosender Applaus auf, sie öffnet die Augen, als kehre sie in die Wirklichkeit der tasca zurück, und ein Lächeln huscht über ihre dürren Lippen.
[Was ist Fado?] [Kurze Geschichte des Fado] [Textauszüge]
Der Fado ist der Gesang Lissabons. Hier wurde er vor über 150 Jahren geboren, hier lebt er noch heute, echt aber nur im Verborgenen. Fado, das ist der Schicksalsgesang der Portugiesen, der Ausdruck der saudade, jener unbestimmbaren Sehnsucht der portugiesischen Seele. Saudade gehört zu jenen in der Kultur und Geschichte einer Sprachgemeinschaft verwurzelten Wörtern, die sich schwer übersetzen lassen. Saudade ist Wehmut, ist Melancholie, ist Sehnsucht, ist Traurigkeit, ist Seelen- und Weltschmerz zugleich. Saudade empfindet der ewig Liebende, dessen Liebe niemals erwidert wird, der ewig Suchende, der sein Ziel niemals erreicht, der ewig Träumende, der seine Träume niemals in Erfüllung gehen sieht. Der Fado ist gesungene saudade.
Fado wird nicht einfach gehört, Fado muß erlebt werden. Er braucht Intimität und Stille, keine Konzertsäle. Oftmals gibt es nicht einmal eine Bühne, sondern zwischen den Stühlen und Tischen wird einfach Platz für den oder die fadista und die beiden Musiker gemacht. Fado wird von Männern und Frauen gesungen, in der Regel als Solo. Begleitet wird der Gesang von mindestens zwei Gitarren, der sechssaitigen viola, die den Takt angibt, und der zwölfsaitigen guitarra portuguesa, einem mandolinenförmigen Instrument, das die Melodie des Gesanges trägt und vertieft. Der Text besteht in der Regel aus freien Vierzeilern, die stets eine Stimmung oder ein Lebensgefühl ausdrücken. Häufig sind es auch Gedichte von Schriftstellern, die verwendet werden. Fado wird immer ernst vorgetragen. Als Zuhörer muß man seine Seele öffnen, um den Fado in sich zu lassen, und oft ist es nicht einmal von Bedeutung, ob der Zuhörer die Texte versteht oder nicht. Wer sich fallen läßt, wird in Bann gezogen von den Musikern mit ihrem reglosen traurigen Gesichtsausdruck und dem oder der fadista, die aus der Tiefe ihres Herzens singen.
Die Herkunft des Fado (abgeleitet von lat. fatum, Schicksal) ist bis heute umstritten. Manche Historiker führen seine Wurzeln auf die Lieder der französischen Troubadoure des 12. und 13. Jahrhunderts zurück, andere auf die Liebeslyrik der Araber. Es gibt auch Ethnologen, die den Ursprung des Fado in den Gesängen afrikanischer Sklaven auf den brasilianischen Zuckerplantagen sehen, von wo sie weiter nach Portugal gelangt seien. Die verbreitetste und wahrscheinlichste Theorie jedoch vertritt die Auffassung, der Fado sei eine Weiterentwicklung der Matrosenlieder, die heimwehkranke portugiesische Seeleute zu singen pflegten, und das erklärt auch seine getragene sehnsüchtige Schwermütigkeit. Sicher ist jedoch, daß der Fado Anfang des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal in den tascas der Lissabonner Stadtviertel Mouraria und Alfama auftauchte, wo er spontan, ohne Ankündigung, gesungen wurde.
Mouraria und Alfama waren die Viertel der Seeleute, Bohemiens und Prostituierten, und bis 1830 kam der Fado nicht über die Grenzen dieser Halbwelt hinaus. Erst Maria Severa (1810 - 1836), die erste große fadista Portugals, die im Alter von nur 26 Jahren an einer Lungenentzündung starb, machte den Fado gesellschaftsfähig. Unter den Adligen, die sich in die finsteren tascas in Mouraria und Alfama wagten, befand sich ein Graf, der nicht nur der wundervollen Stimme Marias, sondern auch ihren Reizen verfiel. So gelangte der Fado in die Salons der Herrschaften, und sogar der König selbst soll dem Fado nicht abgeneigt gewesen sein. In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts setzte die Professionalisierung des Fado ein. Aus dem einstigen spontanen Gesang der Gassen und Kneipen wurde eine gezähmte Liedgattung, die auf Schallplatten erhältlich war und im Radio gesendet wurde.
Neben dem typischen Fado de Lisboa hat sich eine Nebenrichtung entwickelt, der Fado de Coimbra, der sich von ersterem stark unterscheidet. Der Fado de Coimbra ist der Gesang der Studenten aus der berühmten Universitätsstadt. Er wird ausschließlich von männlichen Studenten in der traditionellen schwarzen Tracht, capa und batinha, vorgetragen, ist intellektuell, mit der Ballade verwandt und wirkt humorvoller und weniger schwermütig als sein lisboetisches Gegenstück. Während der konservative Fado de Lisboa von Salazars Estado Novo keine Bedrängnis zu befürchten hatte und gar offiziell gefördert wurde, mußte sich der politisch angehauchte Fado de Coimbra aus der Öffentlichkeit in die Privatsphäre der republicas zurückziehen. José Afonso, Interpret des Liedes der Nelkenrevolution, Grândola Vila Morena, begann seine Karriere als Fadosänger in Coimbra.
Amália Rodrigues ist mit Sicherheit die berühmteste Interpretin des Fado. Ihre unverwechselbare Stimme hat den Fado entscheidend mitgeprägt und weltweit bekannt gemacht. Die in ärmlichen Verhältnissen geborene Lissabonnerin wird seit ihrem Debüt als fadista im Jahre 1939 in Portugal wie eine Heilige verehrt. Modernste Vertreterin des Fado ist Mísia. Die in Porto geborene und heute in Lissabon lebende Künstlerin verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Spanien. Das künstlerische und musikalische Talent hat sie im Blut: Ihre Mutter war klassische Ballerina, ihre Großmutter Star einer Music-Hall. Nach ihrem Aufenthalt in Spanien kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie sich ganz dem Fado widmete, den sie als ihre musikalischen Wurzeln betrachtet. Einige der bekanntesten Schriftsteller Portugals, darunter José Saramago, Literaturnobelpreisträger 1998, Lobo Antunes und Lídia Jorge, schrieben eigens Fadotexte für sie. 1997 erhielt sie für ihr Album Tanto menos, tanto mais den Grand Prix de l'Académie Charles Cros.
Der Fado - die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn.
»Portugal ist das einzige Land der Welt, in dem sich erwachsene Menschen heulend an ihrer
eigenen Nichtigkeit erbauen«, flucht ein Freund Curt Meyer-Clasons in seinen Portugiesischen
Tagebüchern. Gleichgültig steht wohl kaum ein Lisboeta dem Fado gegenüber. Wer
heute als Besucher nach Lissabon kommt und den echten unverfälschten Fado sucht, wird
Schwierigkeiten haben. Das traditionelle Viertel des Fado ist das Bairro Alto, das zur
Fadotouristenmeile verkommen ist, wo man zusammen mit dem Fado ein Menü und in den Pausen
Folkloredarbietungen serviert bekommt. Doch wenn man Glück hat, hört man ihn noch, in
dunklen tascas, weit nach Mitternacht, spontan und ungekünstelt.
Textauszüge
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| Povo que lavas no rio
Text: Pedro Homem de Melo Musik: Fado Victoria Interpretin: Amália Rodrigues Povo que lavas no rio Fui ter à mesa redonda Aromas de luz e de lama Povo que lavas no rio |
Unicórnio Text: Silvio Rodriguez Meu Unicórnio azul aquele que era meu Cem mil ou um milhão eu pagarei Meu Unicórnio e eu, fizemos amizade Cem mil ou um milhão eu pagarei |
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