British Bar in Lissabon

UhrAm Ende der Rua do Arsenal, gegenüber dem Cais do Sodré, bestelle ich eine bica in der British Bar. Trotz des frühen Morgens sind schon einige Tische besetzt, die meisten trinken einen Café und lesen Zeitung. Es ist ruhig und still. Nur hin und wieder raschelt eine Zeitung, wird eine der kleinen weißen Tassen über den Tisch geschoben. Die British Bar ist eine Bar, wie es Hunderte in Lissabon gibt, ein schmaler langer düsterer Raum, der von der Farbe Braun beherrscht wird, die sich von den Tischen über die lange Bar mit den Flaschenregalen hin zu den Holzplanken an den nikotingelben Wänden zieht. Einzige Zier der kahlen Mauern sind ein paar kitschige Seefahrerbilder und blinkende Messinglämpchen. Dennoch ist die British Bar eine Institution in Lissabon, und in so manchem Film, dokumentarisch oder künstlerisch, findet sie Erwähnung, nicht nur, weil hier zu einer anderen Zeit Maler wie Carlos Botelho auf den harten Stühlen mit dem roten Polster Platz nahmen, sondern auch oder gerade wegen der Uhr, die über dem als Kellner verkleideten Plastikmohren hängt.

Diese Uhr verwirrt viele Gäste auf den ersten Blick, denn sie geht rückwärts, und auf dem Zifferblatt sitzen nur die Zwölf und die Sechs an der richtigen Stelle, alle anderen Zahlen haben ihre Plätze getauscht. Nach einem verwunderten Kopfschütteln werden es die meisten sicher als kleinen Scherz betrachten, und vielleicht sollte man auch nicht mehr darin sehen, denn glaubt man José Cardoso Pires, ist es nichts weiter als genau dies und ganz sicher nicht eine Metapher für die so vielzitierte Sehnsucht der Portugiesen nach der Vergangenheit, der saudade. Und doch, so denke ich, ist es möglicherweise doch kein Zufall, daß ausgerechnet hier Bilder von sturm- und meergepeitschten Karavellen hängen, die einst als Pioniere des Westens nie zuvor befuhrene Wasser erkundeten und Portugals ruhm- und glanzvollste Epoche einläuteten.

Solche Gedanken gehen durch meinen Kopf, während ich den kleinen schwarzen Kaffee schlürfe, mit einer ordentlichen Portion Zucker, wie es sich gehört. Und auch der alte engraxador, der Schuhputzer, der hier sein Revier hat und sehnsüchtig auf Kunden wartet, scheint schon bessere Zeiten gekannt zu haben, so traurig wirkt sein gutmütiges Gesicht, in dem eine Melancholie schwingt, die schwer zu greifen ist. In seiner sauberen, aber ärmlichen Kleidung steht er da, mit hängenden Schultern, und starrt auf das Bild an der Wand. Ein Tourist kommt herein, doch das bittende Flehen aus alten müden Augen vermag ihn nicht zu erweichen, und der Funke der Hoffnung, der eben im Gesicht des Alten aufglomm, erstirbt.

Doch siehe, ein graumelierter fein gekleideter Herr im beigen Anzug mit Krawatte, der nach Bank aussieht und nach Wohlstand riecht, winkt den Alten zu sich. Dann sitzt dieser zu seinen Füßen, und der feine Herr wirkt ein wenig herablassend, wie er so lässig an der Bar lehnt. Seine bica vor sich, ein verstecktes Lächeln auf den Lippen, hebt er wie im Schlaf erst den linken, dann den rechten Fuß auf die Ablage, und während er blicklos in die Ferne schaut, fast selbstvergessen, bürstet und poliert der Alte eifrig, bis alles blitzt und blinkt. Dann ist der Schuhputzer fertig, er steckt das Geld ein, das ihm hingeschoben wird, wenig genug mag es sein, und der andere rückt die Krawatte zurecht, strafft die Schultern und geht hinaus.

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